In Köln, München und Ludwigsburg trifft sich im Jahr 2024 das tanz- und theaterbegeisterte Publikum zum „One Night Stand“. Unter diesem Titel tourt das „Festival zu Alter(n), Sexualität und Sichtbarkeit“ durch die Lande und mit ihm drei Tanzensembles, in denen sich ältere Menschen gemeinsam mit Choreograf* innen, Theater- und Tanzvermittler*innen dem Thema von Leidenschaft, Sexualität und Begehren im Alter widmen. Die performative Kulturelle Bildung im Alter leistet damit einen lustvollen Beitrag zur aktuellen Neuverhandlung von Sexualität und Begehren im Alter.
Gesellschaftliche Inszenierung und aktuelle Neuverhandlung
Im Foyer des Schauspielhauses Köln herrscht Trubel. Ausverkauftes Haus. Auf einmal verändert sich die Szenerie im Foyer, wo das Publikum bereits durch eine Podiumsdiskussion und eine Ausstellung angeregt ins Gespräch gekommen ist. Die Tänzer*innen von „moving_SpAces“ aus München mischen sich unter die Zuschauer* innen und machen damit uns alle zum Teil der Performance „Betrachten“. Nicht von ungefähr: Schließlich spielen wir alle mit in diesem Theater, sind selbst – ob wir wollen oder nicht – Akteur*innen in der großen gesellschaftlichen Inszenierung und aktuellen Neuverhandlung von Sexualität und Alter(n).
Ein Kreis bildet sich um die älteren Tänzer*innen, die sich gegenseitig mit Videokameras filmen. In ihren Bewegungen spielen sie mit Nähe und Distanz, zoomen mit der Kamera auf die alternde Haut ihrer Mittänzer*innen und werfen die entstehenden Bilder auf dargebotene Leinwände. Auch der Pullover eines Zuschauers wird auf diese Weise zur Leinwand für Falten in Bewegung. Es geht um das Sich-Zeigen, um die Sehnsucht nach Sichtbarkeit, aber auch um das Verstecken und Verbergen. Was wollen die Tanzenden von sich zeigen? Wann schlägt meine Neugierde als Zuschauerin um in Voyeurismus? Was wird im Geheimen dokumentiert, was wird extra in Szene gesetzt? Solche Fragen regt die erste Performance des Festivals an, und wirft sie durch die Linsen der Kameras filmisch vervielfacht in den Raum.
One Night Stand
Im Rahmen des Projekts „One Night Stand“ kooperieren die fünf Choreograf*innen Andrea Marton und Stephanie Felber (moving_SpAces, München), Lisa Thomas und Pascal Sangl (Zartbitter, Ludwigsburg) und Silke Z. (Die metabolisten, ehrenfeldstudios Köln) mit dem Theatermacher David Vogel (Old School, Schauspiel Köln). Mit dem Festival bringen sie ihre Ensembles von nicht professionellen Performer*innen Ü60 in einen Austausch. Gemeinsam mit ihnen haben sie jeweils eine halbstündige Performance entwickelt, die gezielt den Zusammenhang von Alter(n), Körper und Sexualität in den Blick nimmt. In Köln, Ludwigsburg und München tourt das Festival und lockt ein begeistertes Publikum in die Theater.
Ageing Trouble auf der Bühne
Neben Praxis-Workshops, in denen Interessierte sich dem zeitgenössischen Tanz und den Arbeitsweisen der Ensembles annähern können, sind auch Diskussionsrunden und Vorträge Bestandteil des Festivals. Im Rahmen des Fachtags „dance_age_trouble“ wird in München einen Tag lang der Frage nachgegangen, welches Potenzial Tanz und Performance haben, um sich im Sinne von „Ageing Trouble“ (Haller 2004/2020) kritisch zu Alter(n)s-Stereotypen und normativen Alter(n)s-Anforderungen zu positionieren. Ziel ist es, kritische performative Praktiken von „Un/doing Age“ (Haller 2010/2020; 2022) zu entwickeln und im Medium des Tanzes zu einer kritischen Erweiterung und performativen Neueinschreibung von stereotypen Altersbildern zu experimentieren (vgl. Martin 2017/vgl. Haller/Martin 2022/vgl. Spahn 2022).
Normativer Wandel
Damit beziehen die Performances Position in einem normativen Wandel, der sich spätestens seit der Jahrtausendwende im Diskurs über Sexualität und Alter zeigt (vgl. Haller 2019). Die Rede von den „sexy seniors“ hat das Stereotyp von den „asexual oldies“ ersetzt. Kulturwissenschaftliche Studien zeigen, wie in westlichen Medien und in der Populärkultur ebenso wie in den Alternswissenschaften Sexualität und Begehren im Alter normalisiert werden (vgl. Sandberg 2015). Die Warnung der Ratgeberliteratur „Du wirst alt, wenn du keinen Sex hast“ hat längst das alte Gebot „Keinen Sex im Alter“ abgelöst: Sex wird neben Fitness, Aktivität und Produktivität als bevorzugtes Anti-Aging-Mittel empfohlen. Diese Neuverhandlung im Altersdispositiv birgt jedoch nicht nur emanzipatorische Potenziale, sondern bringt auch altersdiskriminierende Tendenzen und neue Normierungen von Sexualität und Begehren im Alter hervor.
Gerontologischer Diskurs
Auch im gerontologischen Diskurs zeichnet sich dieser Wandel in all seinen Ambivalenzen ab (vgl. ausführlicher Haller 2019). Mit dem erklärten Ziel, altersdiskriminierende Konventionen sexueller Unterdrückung aufzulösen, wurde im wissenschaftlichen Diskurs am Ende des 20. Jahrhunderts die Rede vom Zusammenhang zwischen dem Nachlassen sexuellen Interesses und dem alternden Körper als Mythos entlarvt (vgl. Zank 2026). Anhaltende sexuelle Aktivität im Alter wurde in diversen empirischen Studien konstatiert, avancierte damit aber – wie die kritische Gerontologie zeigt – zugleich zum elementaren Bestandteil der normativen gerontologischen Diskurse vom gesunden, positiven und erfolgreichen Altern (vgl. Sandberg 2015). Barbara Marshall und Stephen Katz (2002) untersuchen, wie die mit der Geste altersemanzipatorischer Aufklärungsarbeit vorgebrachte Kritik am Mythos allgemeiner Asexualität im Alter allzu schnell einer neuen Ideologie den Boden bereitete: Der alterslose Körper bildet das Ideal eines neuen restriktiven Körperregimes, dessen Maßstab sich daran bemisst, inwieweit sexuelle Funktionalität, körperliche Fitness und Schönheit auch in fortgeschrittenem Alter an einen jugendlichen Standard herankommen (vgl. ebd.).
Temptation
In dieser diskursiven Gemengelage erscheint das anfangs schüchterne Lecken an großen rotweißen Lollis der Kölner Performer*innen um Silke Z. und David Vogel (Old School) in ihrem Stück „Temptation“ zunächst als klebrige Reminiszenz an überkommene Topoi von süßen Alten und Naschhaftigkeit als Sex des Alters. Mit solchen Assoziationsanregungen lockt die Inszenierung das Publikum gekonnt auf den Leim, wenn das verhaltene Schlecken alsbald ins Exzessive umschlägt. Gierig verleiben sich die Tänzer*innen ihre Lollis ein und bieten sie auch dem Publikum großzügig als Lustobjekte an. In ruhigeren Passagen dieser Performance werden als Paratext zur tänzerischen Bewegung autobiografische Bruchstücke verlesen, in denen auch Ängste und Zweifel Raum bekommen, den Normierungen erotischen Begehrens und den Bodyshaping-Normen des 21. Jahrhunderts nicht zu genügen. Zudem verunsichert eine gesichtslose Gestalt – ist es der Tod, das Schicksal? – die Szenerie und bringt einige der Tänzer*innen mitten in ihrer Bewegung unerbittlich zur Strecke.
Pinselstrich
Das Ludwigsburger Ensemble „Zartbitter“ der Tanz- und Theaterwerkstatt um Pascal Sangl und Lisa Thomas beherrscht die Kunst ironischen Augenzwinkerns. Die von Pascal Sangl choreografierteAufführung wird durch den Einsatz eines aufblasbaren Plastikpools gerahmt, der langsam, aber sicher mithilfe einer elektronischen Hochdruckpumpe die Form eines pinkfarbenen Flamingos annimmt, bis sich ganz zum Schluss erst Hals dann Kopf des Vogels in die Höhe reckt. Währenddessen werden die Bewegungen der Tänzer*innen im Rhythmus der Musik schneller und wilder. Über die Bühne rollen Farbtöpfe. Die Performer*innen greifen ins Volle und verteilen die bunten Farben auf ihren Körpern: „Pinselstrich“ ist der Titel der Performance – eine ebenso feine wie wild gezeichnete Farborgie alternder Körperlichkeit. Un/doing Desire? Die drei Performances fordern auf unterschiedliche Weise stereotype Rollenskripte sexuellen Begehrens im Alter heraus. Sie bringen deren kulturellen Konstruktcharakter auf die Bühne und zeigen auf, wie Werturteile von Sexualität und Begehren im Alter soziokulturell „gemacht“ sind. Damit führen sie die Wirkungsmacht von Praktiken auf, die in der Kulturgerontologie als „Doing Age“ und „Doing Desire“ bezeichnet werden (vgl. Eckert/Martin 2016). Das Festival macht sie einer kritischen Reflexion zugänglich, die die eigene leiblich-ästhetische Erfahrung der Zuschauenden einbezieht und zur Diskussion einlädt.
So stehen am Ende die vorgefertigten Werturteile meiner eigenen Wahrnehmung, meines eigenen Begehrens auf dem Prüfstand: Welche Körper erscheinen mir begehrenswert? Und welche Positionen im Wettstreit um Sexyness als Mehrwert kulturellen Kapitals (vgl. Govrin 2023) nehme ich eigentlich mit meinem eigenen alternden Körper ein? Wie könnten diese mächtigen Drehbücher, die Begehren regulieren und regieren, unterlaufen werden? Welche widerspenstigen Inszenierungen von Alter(n) eröffnen Möglichkeiten, diesen Skripten im Sinne von „Un/doing Age“ und „Un/doing Desire“ nicht länger nachzueifern, sie zu negieren oder sich ihnen zu entziehen? Können Tanz-Performances im Rahmen eines solchen Festivals „ein anderes Begehren nicht nur andeuten, sondern als Möglichkeit entwerfen und in den Zuschauenden ein Begehren nach diesem Begehren hervorrufen“ (Eckert/ Martin 2016, S. 119)? Oder geht ein solches, an den Tanz und die performative kulturelle Bildung im Alter gerichtetes Begehren doch zu weit? Gut jedenfalls, dass es nicht bei einem einzigen One Night Stand bleibt. Die Lust auf mehr ist geweckt.