„Die schönsten Aquarelle in unserer Gruppe sind von Menschen mit Demenz“, sagt Kay Strathus. Der gelernte Grafiker bietet im Diakonie Stift Norf im rheinischen Neuss jeden Montag eine Mal- und Kreativgruppe an. Das Aquarellieren hält er für eine ideale künstlerische Ausdrucksweise für Menschen mit Demenz. „Denn im Grunde ist beim Aquarell keinerlei Arbeit vonseiten der Ausführenden erforderlich, außer dass sie einen Pinsel in die Farbe tunken und diese dann aufs Papier übertragen. Die Arbeit machen das Wasser und die Farbe. Das verläuft alles schön.“ Er hat eine starke Analogie zum inneren Erleben der von Demenz Betroffenen festgestellt: „Alles verschwimmt, nichts ist genau. Man weiß nicht, wohin sich die Dinge entwickeln.“
Vom Taxifahrer zum Kunstgeragogen
Kay Strathus, Jahrgang 1957, der einst Visuelle Kommunikation in Offenbach studierte, wusste auch lange nicht, wohin sich die Dinge entwickeln. Er arbeitete in unterschiedlichen Jobs, mit denen er seine „außerjobmäßigen Abenteuer“ finanzierte – bis hin zum Taxifahrer in Weimar. Vor zehn Jahren machte er sich auf die Suche nach etwas Neuem – und wurde Betreuungsassistent im Pflegeheim. Dort habe er von Anfang an kunstgeragogisch gearbeitet, ohne zu wissen, dass das so heißt. Später absolvierte er den Zertifikatskurs Kunstgeragogik an der Bundesakademie für Kulturelle Bildung Wolfenbüttel und war fortan offiziell Kunstgeragoge – mit Festanstellung in Vollzeit, was in diesem Berufsfeld eher die Ausnahme ist.
Mittlerweile ist Kay Strathus Rentner, arbeitet aber in Teilzeit weiter. Die wöchentliche Kreativgruppe ist als Konstante geblieben: Zehn bis 15 Bewohner*innen nehmen regelmäßig teil, einige schon seit Jahren. Am Anfang hört er oft Sätze wie: „Malen konnte ich noch nie.“ Seiner Erfahrung nach haben viele ältere Menschen negative Erinnerungen an den Kunstunterricht in der Schule. Dem begegnet er mit Humor und Ermutigung: „Wenn man etwas nicht kann, dann kann man auch nichts falsch machen.“ Wenn sie die erlernte Hemmschwelle einmal überwunden hätten, seien viele mit großer Begeisterung bei der Sache. Mit Unterstützung von Assistent*innen wie Freiwilligendienstleistenden oder Schüler*innen entstehen Aquarelle, Collagen und Zeichnungen – körperliche und kognitive Einschränkungen rücken in den Hintergrund.
Auch inhaltlich gibt es keine Grenzen oder Tabus. Wenn zum Beispiel jemand im Haus gestorben ist, dann wird darüber nicht nur gesprochen. Manchmal lädt Kay Strathus die Menschen auch ein, „mit Stift, Pinsel und Papier darzustellen, was der Tod ist oder was sie erwarten, wenn sie diesen Körper verlassen und in die nächste Welt hinüber gelangen.“
Superheld*innen trotzen dem Pandemie-Frust
Eine, die schon lange in der Malgruppe mitmacht, ist Renate Kosmala. Obwohl ihr verschiedene gesundheitliche Einschränkungen zu schaffen machen und sie manchmal monatelang an einem Bild arbeitet, enthält ihre Mappe schon über 50 Arbeiten. Kürzlich präsentierte Kay Strathus einige davon in einer Werkschau in der Cafeteria – und prompt verkaufte sie ein Bild für 50 Euro. „Für jemanden, der nur Taschengeld zur Verfügung hat, ist das ein echter Gewinn.“
Renate Kosmala ist eine jener sechs Bewohner*-innen, die Kay Strathus im Comic „Die fantastischen Fliedners“ im Jahr 2020 als Superheldin verewigte (siehe S. 9 und die Bilderstrecke in diesem Heft). Dieser Comic entstand mitten in der Corona-Pandemie, als kaum noch Begegnungen möglich waren. Die Geschichte spiegelt die Konflikte mit der Einrichtungsleitung während der Pandemie wider, aber auch Konflikte der Bewohner*innen untereinander. „Da waren zwei, die waren wie Hund und Katz, aber irgendwie mochten sie sich auch gegenseitig“, berichtet Kay Strathus. „Das waren die ‚kosmische Reni‘ und ‚der gewaltige Till-Man‘: Die beiden haben durch ihre ständigen Kabbeleien das Storyboard voran getrieben und viel zu der Geschichte beigesteuert.“
Unfreiwillige Wohngemeinschaft
Doch es bleibt nicht immer bei Neckereien. Wo sich lauter fremde Menschen mit unterschiedlichen persönlichen Geschichten, Problemen und Herkünften in einer „unfreiwilligen Wohngemeinschaft“ zusammenfinden, hält Kay Strathus Konflikte für unvermeidlich. Die Menschen landen im Pflegeheim, so seine Erfahrung, wenn sie sich entweder nach einer OP und Reha oder wegen einer Demenz nicht mehr allein zu Hause versorgen können. Für viele sei der Umzug ein Schock. Menschen mit Demenz verstünden häufig gar nicht, dass sie plötzlich in einer Pflegeeinrichtung sind. „Leider erzählen ihnen Verwandte oft: ‚Du kannst bald wieder nach Hause‘ während sie schon das Haus leerräumen und verkaufen.“
Einen zentralen Reibungspunkt erkennt Strathus zwischen den Menschen ohne und mit Demenz. Oft brächten Bewohner*innen ohne Demenz kein Verständnis für das Verhalten ihrer Mitbewohner*innen auf. Diese wiederum verstünden nicht: „Warum verspotten die mich ständig oder weisen mich zurecht?“
In der kunstgeragogischen Arbeit von Kay Strathus werden Ambivalenzen und Spannungen des Pflegeheimalltags nicht ausgeblendet. Im Gegenteil: Sie fließen in die kreative Arbeit ein. Die Kunst wird zum Raum, in dem auch das Schwierige sagbar und manchmal mit Humor erträglicher wird – wie das Superheld*innen-Projekt zeigt.
Respekt und Wertschätzung
Die Auswirkungen der Demenz sind nicht nur unter den Bewohner*innen eine Ursache für Spannungen. Auch für das Personal sei das Verhalten der Menschen mit Demenz manchmal anstrengend, gibt Strathus zu. Doch von den professionellen Kräften fordert er Verständnis und Wertschätzung ein. „Wenn man auf die Leute eingeht, wenn man respektiert, dass die zwar dement, aber keineswegs doof sind, dann hat man einen ganz anderen Zugang zu ihnen.“
Dann erzählt Kay Strathus noch, wie er sich als kleiner Junge beim Zeichnen in die Welten hineinversetzte, die er auf dem Papier erschuf – so wie heute beim Aquarellieren mit Menschen mit Demenz: „Wir gucken uns gemeinsam an, wie die Farbe im Wasser auf dem Papier zerfließt und stellen uns vor, welche Welten darin auftauchen.“