Ausgangspunkt für die aktuelle Bürger*innenoper ist ein antiker Mythos: Cura, die Göttin der Sorge, formt aus Lehm den menschlichen Körper. Jupiter haucht ihm Leben ein, Terra verleiht ihm die Physis. Fortan übernimmt Cura die Sorge für den Menschen.
Gut umsorgt
Die Bürger*innenoper wird künstlerisch und organisatorisch von einem qualifizierten Team begleitet. Dany Handschuh ist Dramaturgin, Koordinatorin – und Ansprechpartnerin für alle Belange. Die musikalische Leitung hat Ruth Katharina Peeck inne. Der Hauskomponist der Jungen Oper Dortmund, Marc L. Vogler, übernimmt für „Who cares?“ die Komposition. Beide sorgen mit Stimmbildung und an die Sänger*innen angepassten Arrangements dafür, dass die variantenreiche Musik von Charleston bis Tango für alle spiel- und singbar ist. Mirjam Schmuck, bekannt für ihre partizipative Arbeitsweise, führt die Gastregie.
Im Gespräch betonen die fünf Chormitglieder, wie gut umsorgt sie sich im gesamten Produktionsprozess gefühlt haben. Petra Peuckmann singt seit zwei Jahren in der Bürger*innenoper. Sie lobt besonders die Probenleitungen: „Wir hatten niemals das Gefühl, wir wären nicht zulänglich oder wir könnten irgendwas nicht, sondern wir wurden immer positiv wahrgenommen.“
Inge Kurth hebt hervor, dass in den Improvisationen während der Proben elementare Sorgeerfahrungen ihrer Mitspieler*innen zum Ausdruck kamen. Auch bei der finalen Bühnenfassung hat sie das Gefühl begleitet, „vorzukommen in dem Stück“: Die von den mitsingenden Bürger*innen eingebrachten Sorgeerfahrungen und Assoziationen bündeln sich in der chorisch präsentierten Hauptfigur Cura, der Göttin der Sorge.
Alles so still hier
„Kann nicht mehr, mag nicht mehr, komm nicht mehr hinterher.“ Nach und nach bewegen sich die Sänger*innen als Cura vereint auf der immer dunkler werdenden Bühne nach hinten. Am Ende der Arie sind nur noch vereinzelte Stimmen zu hören, dann verklingen auch diese. Cura ist erschöpft, sie fühlt sich nicht mehr imstande, für die Menschen zu sorgen. „Schade, das Projekt hatte viel Potenzial.“
Als Cura Jupiter den Atem des Menschen zurückgeben will, zeigt sich dieser gar nicht erst. Für die Übergabe des menschlichen Körpers wendet sich Cura an Terra, die langsam über die Bühne schreitet. Ihre Kopfbedeckung und ihr Umhang sind mit Müll beschwert. Auch sie verweigert die Inobhutnahme.
Auf einem durchscheinenden Vorhang am Bühnenrand ist die übergroße Projektion einiger Chormitglieder zu sehen. Mit beschrifteten Papptafeln verleihen sie ihrem flehentlichen Gesang zur Umstimmung von Terra Nachdruck. Sopran und Alt vertreten Terras Ablehnung sängerisch in aller Deutlichkeit.
Die Inszenierung findet mit Terra ein eindringliches Bild für die Katastrophe des Klimawandels. Mit dem Lied „3, 2, 1 Go!“ ehrt der Chor als Cura den Wert des Planeten, der „blauen Kugel, Mutter Erde“. „Mich hat das berührt“, erklärt Petra Peuckmann. „Man hat verstanden, wie viel Verantwortung man für diese Schönheit hat.“ Auch Mitsängerin Inge Kurth findet den Aspekt des Klimawandels in „Who cares?“ zentral. Sie sieht es als Aufgabe ihrer Generation, die Zukunft des Menschen nicht aufzugeben.
Menschliche Geschichten
Was könnte Cura aus ihrer Erschöpfung befreien – wo sie nun auf sich allein gestellt mit dem Projekt „Mensch“ zurückbleibt? Die Dramaturgin Dany Handschuh beschreibt den Wendepunkt im Stück mit der Frage: „Warum haben wir denn ursprünglich mal angefangen?“ Anders formuliert: Wofür lohnt es sich, weiterzumachen? Woraus lässt sich Kraft schöpfen? Auf der Bühne präsentieren Spieler*innen für sie wichtige Dinge: einen Kopfhörer zum Musikhören, Schokocreme auf dem Brot oder die Mundharmonika der verstorbenen Mutter.
Die Gaze am Bühnenrand wird zur Leinwand für die gealterten Hände der Bürger*innen. Sie massieren ihre Füße, schälen Äpfel, spielen Klavier. In eingespielten Tonaufnahmen beschreiben sie ihre Hände: papieren, weich, kräftig, geädert, schwülstig, fest, schmerzend, zupackend, stark, fein und zart. Und sie tragen Sorgeerfahrungen der Bürger*innen vor: Nachtwachen im Krankenhaus, Erlebnisse mit dem an Demenz erkrankten Ehemann, die Begleitung der Freundin in einer existenziellen Krise.
Im Anschluss maskieren sich die Sänger*innen mit dem kopierten Porträt ihres eigenen Gesichts. Auf der Bühne verharren sie für einen Moment, dann gerät das statische Gruppenbild in Bewegung. Die Bürger*innen bestücken Torsi, Arme und Beine von Schaufensterpuppen mit den Fotos. Sie kümmern sich um deren Körper, indem sie die Haltung der Büsten einnehmen, sie streicheln, sich in sie einfühlen und ihnen neues Leben einhauchen. Cura hat die Sorge für den Menschen wieder übernommen.
Steh auf
Die Sänger*innen haben sich nun mit über das Gesicht gestülpten neonfarbenen Mützen vermummt: Sorge wird zum revolutionären Akt. Gleichzeitig sind auf der Bühne und auf im Publikum verteilten Zetteln Zitate zu lesen. So etwa der Satz von der Philosophin Donna Haraway: „Sorge bedeutet, herauszufinden, wie wir im dichten Jetzt gut miteinander leben und sterben können.“ Für Ulrike Weberbarthold bedeutet das, nach bestem Wissen und Gewissen verantwortungsvoll zu leben. Petra Schrader fasst im Interview zusammen: „Bleib Mensch. Wenn wir uns auf die Liebe konzentrieren, dann ist das Miteinander einfach anders.“ So bringt es auch der Chor im Walzer am Ende der Oper auf den Punkt: „Steht auf, steht auf jetzt, ihr Kinder der Cura, tanzt mit jetzt, tanzt mit uns den Walzer der Liebe! The V is for LoVe. ReVolte der Liebe, nur Liebe ist heute noch reVolutionär.“ Who cares? Die Bürger*innen tun es. Sigrid Ziesmers Resümee: „Seht zu, helft mit, dass der letzte Tanz kein letzter bleibt, dass es weitergeht.“