Eisenhüttenstadt, kurz vor der polnischen Grenze gelegen, ist eine junge Stadt. 1950, kurz nach der Teilung Deutschlands, wird sie als erste Planstadt der DDR für die Beschäftigten des Stahlwerks Eisenhüttenkombinat Ost (kurz: EKO) gegründet. Aufgrund der vielen jungen Zuzügler*innen, die hier Arbeit finden, ist sie zehn Jahre später die Stadt mit dem höchsten Kinderanteil der DDR. 1988 erreicht die Einwohner*innen-Zahl mit rund 53.000 ihren Höhepunkt. Mit der Deindustrialisierung in den Wendejahren verlassen viele die Region. Die Stadt altert und schrumpft auf rund 24.000 Einwohner*innen. Heute liegt das Durchschnittsalter bei 53 Jahren und ist damit um 17 Prozent höher als im Bundesdurchschnitt. Jede*r Dritte*r ist älter als 65 Jahre. Ein Alter, in dem das Risiko an Demenz zu erkranken, erhöht ist.
Einblick in die Kulturgeragogik
Die Schule für Gesundheits- und Pflegeberufe e. V. in Eisenhüttenstadt legt in der Pflegeausbildung einen Schwerpunkt auf Demenz. Daher verfügen die Auszubildenden des zweiten Lehrjahrs zu Projektbeginn über profundes theoretisches und praktisches Wissen über verschiedene Demenzformen. Um die angehenden Pflegekräfte mit der Moderation von Kleingruppen sowie den Grundlagen der Vermittlungsarbeit mit Original-Objekten vertraut zu machen, beginnt das Projekt mit zwei Workshop-Tagen im Museum. Der Fokus liegt auf dem Umgang und der Kommunikation mit Menschen mit Demenz sowie auf der Sensibilisierung für deren gelingenden Aufenthalt in Kulturinstitutionen. Auch kulturgeragogische Methoden für den Pflegealltag werden vermittelt.
Kittelschürze, Badekappe oder Milchkanne?
Beim anschließenden Besuch des Museumsdepots wählen die Auszubildenden Objekte für den Einsatz in der Erinnerungsarbeit aus. Das Depot besteht aus mehreren Räumen, in denen rund 170.000 Gegenstände und Objekte thematisch sortiert sind. Die Auszubildenden haben die Qual der Wahl zwischen unzähligen bunten Kleidern und Kittelschürzen, Freizeitausrüstungen und Telefonen, diversem Geschirr und Küchengeräten, Schulmaterial, Kosmetik und medizinischen Produkten. Die Erinnerungscafés sollen so lebendig wie möglich gestaltet werden. Deshalb achten sie bei ihrer Auswahl besonders auf außergewöhnliches Material, auf die geeignete Handhabung im Pflegealltag sowie auf Gerüche, Klänge und Geräusche. Schließlich stellen die Teilnehmenden acht Koffer zusammen, unter anderem zu den Themen Reisen und Urlaub, Haushalt und Mode sowie Technik und Spiel, mit jeweils maximal zwölf sehr unterschiedlichen Objekten.
Begegnen, zuhören, erinnern?
Die Erinnerungscafés finden zwischen Mai und September 2025 in Senioreneinrichtungen und im Museum statt. Die Auszubildenden sind in kleine Gruppen eingeteilt, einige übernehmen die Moderation, andere schlüpfen in eine beobachtende Rolle. Senior*innen, Mitarbeitende von Pflegeeinrichtungen und Auszubildende im Alter zwischen 17 Jahren und Mitte 40 treffen zusammen – ein wahres Kaleidoskop an Prägungen und generationsspezifischen Erfahrungen und Erinnerungen.
Auffällig ist, dass auch in diesem Projekt – wie in den meisten kulturgeragogischen Angeboten – deutlich mehr Frauen beteiligt sind. Die Objekte in den Koffern lösen zum Teil Diskussionen aus: Sind „Haushalt“ oder „Mode“ eher weibliche Themen? Doch letztlich finden auch die wenigen anwesenden Männer einen schnellen Zugang zu Kaffeemühle, Brottasche und Badekappe. Fast alle von ihnen waren früher im EKO beschäftigt; die starke Identifizierung mit dieser Arbeit ist in den Begegnungen deutlich zu spüren. Die Frauen, von denen fast jede voll berufstätig war, eint die prägende Erinnerung an Themen wie etwa die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Kindererziehung. Viele bewegen zudem traumatische Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs, die mit Flucht und Entbehrungen der Nachkriegszeit einhergehen.
Erinnerung über die Sinne
Die mitgebrachten Objekte in den Koffern dienen als Impulsgeber. Sie regen das Erinnerungsvermögen so vielfältig wie möglich an: etwa durch das Berühren des besonderen Materials, das Lauschen eines vertrauten Geräuschs oder das Wahrnehmen eines typischen Geruchs eines Gegenstands. Bald schon werden die Objekte zum Medium, durch das individuelle und kollektive Erinnerungsräume geöffnet werden. Es entstehen wunderbare, eindrückliche und anrührende Momente. Manchmal zeigt sich die Erinnerung in einer Geste, einem Blick, in einem stillen Innehalten oder in der Wiedergabe einer Begebenheit, die lange nicht erzählt worden ist. Das Einbeziehen aller Sinne ermöglicht es den Teilnehmenden, ihre Erinnerung verbal und non-verbal mitzuteilen. Gegenseitiges Zuhören, Beobachten und Gehört-Werden, viel Zeit und geringes Tempo sind zentral, um einen Raum zu schaffen, der Vertrauen zulässt. Beim Vergleich der unterschiedlich erprobten Settings zeigt sich, dass die Teilnehmenden in ihrer gewohnten Umgebung schneller Vertrauen fassen und sich eher öffnen als in einer fremden Umgebung. Letztere löst im ersten Moment Irritationen aus – auch, wenn sich einige der Teilnehmenden untereinander kennen – und muss aufgefangen werden.
Wie geht es weiter?
Das Projekt „Alltag weckt Erinnerung“ lebt vor allem durch den einfühlsamen Umgang der Auszubildenden mit den Bewohner*innen der Einrichtungen, aber auch von der Neugier und Offenheit aller Beteiligten. Die Auszubildenden können sich durch die unterschiedlichen Aufgabenstellungen und die prozessorientierte Herangehensweise in der Gruppe individuell neu erfahren.
Das Interesse im Landkreis an dieser Form der Arbeit ist groß. Aus dem Projekt ist ein Verleihsystem entstanden: Zusammen mit einer detaillierten Handreichung zum Projektablauf sowie den Objektbeschreibungen können Senioreneinrichtungen, Tagespflegen und andere Einrichtungen im Landkreis einen Koffer im Museum ausleihen. Das Erinnerungscafé soll darüber hinaus als regelmäßiges Veranstaltungsformat im Museum Utopie und Alltag implementiert werden.