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Glossar: Tanz und Alter(n)

Dieser Glossar erklärt zentrale Begriffe und Konzepte rund um Tanzkunst, Alter und Altern.

In einem Satz: Ageing trouble bedeutet, dass Alter(n) sozial hergestellt wird, leib-körperlich erfahren – und in künstlerischen Praktiken variiert, spielerisch befragt und anders erprobt werden kann.


Als Ageing Trouble bezeichnet Miriam Haller Performative Resignifikationsstrategien von Altersbildern. Sie knüpft damit an Judith Butlers Gender Trouble an. Gemeint ist der Versuch, stereotype und diskriminierende Vorstellungen vom Alter(n) (Ageismus) in Literatur und kultureller Praxis nicht einfach zu übernehmen, sondern sie durch performative Praktiken und neue Erzählungen zu irritieren und bewusst umzudeuten (Resignifikation). Ageing Trouble hinterfragt festgelegte Bilder von Alter als Defizit oder Rückzug und eröffnet vielfältigere Vorstellungen des Älterwerdens.

Mehr zum Thema: Miriam Haller (2026): Ageing Trouble! Theorie, Diskursgeschichte und Praxis der Performativen Kulturgeragogik

In einem Satz: Ageismus bezeichnet die Diskriminierung, Vorurteile oder stereotype Vorstellungen aufgrund des Lebensalters.


Der Begriff Ageismus umfasst individuelle Einstellungen, gesellschaftliche Vorstellungen und institutionelle Strukturen, die Menschen wegen ihres höheren Lebensalters bestimmte Eigenschaften, Fähigkeiten oder Rollen zuschreiben. Ageismus wirkt sowohl von außen – etwa durch Vorurteile oder Benachteiligung – als auch nach innen, wenn Menschen solche Altersbilder übernehmen und auf sich selbst anwenden.

 

Mehr zum Thema: Ageismus: Vom Altersbild zur Benachteiligung. kubia kompakt #04

In einem Satz: Angebote Kultureller Alter(n)sbildung in Tanz und Performance bieten ästhetische Erfahrung mit dem Impuls zu Teilhabe und Gestaltungsprozessen mit dem Fokus auf dem Erleben des sich-bewegenden alternden Körpers und der performativen Kraft von Körpern in Bewegung.


Kulturelle Bildung verstehen wir als Bildung mit und durch die Künste: Im Zentrum steht ästhetische Erfahrung – als leiblicher Prozess des Wahrnehmens und der Erkenntnis in der Auseinandersetzung mit Gegenständen aller Art. Teilnehmende Kultureller Bildungsangebote erhalten Zugang zu Kunst und Kultur, erleben sich als Gestalter*innen und verhandeln gesellschaftlich-politische Fragen ästhetisch, künstlerisch und sozial.

Tanz ist eine künstlerisch-expressive Praxis, in der insbesondere das Erleben des sich bewegenden Körpers zentral steht. Zugleich entfalten Körper in Bewegung eine performative Kraft, die Wahrnehmungsordnungen zu irritieren vermag und Positionierungen zum Ausdruck bringen kann. So entsteht ein Raum, in dem Teilhabe nicht nur Teilnahme bedeutet, sondern Mitgestaltung und Teilgabe: Autor*innenschaft in Probenprozessen, geteilte Entscheidungen, die Entstehung von körperlich-fundiertem Wissen und das Potenzial, das eigene Erleben von sich selbst und der Welt, die eigenen transformatorischen Lern- und Bildungsprozesse in Bewegung zu gestalten. Gerade in der Arbeit mit Älteren liegt hier ein bedeutendes Potential, um biographisches Wissen einzubinden, um die Ausdruckskraft älterer Körper sichtbar zu machen und auch Räume des (sinnlichen) Austauschs zu eröffnen.

Mehr zum Thema: Miriam Haller (2023): Kulturelle Bildung im Alter

In einem Satz: Künstlerische Forschung generiert Wissen, das aus der künstlerischen Praxis selbst entsteht.


Wir verstehen künstlerisches Handeln auch als ein praktisches, sinnliches und kollektives Forschen, das spezifisches Wissen hervorbringen kann – und zwar aus der Praxis heraus. Fragen entstehen im künstlerischen Tun, werden in Proben, Scores (performativen Verabredungen) und Dramaturgien verfolgt und schlagen sich als verkörpertes und erspürtes Wissen nieder. Im wissenschaftlichen Diskurs wird künstlerische Forschung als eigenständige, methodisch verantwortete Wissensform gefasst – nicht als Illustration von Theorie, sondern als theoriebildende Praxis. Künstlerische Forschung bedeutet also auch, dass die Praxis – nicht nur das Werk – zum Gegenstand einer forschenden Auseinandersetzung wird und Künstler*innen sich als „reflektierende Praktiker*innen“ (Donald Schön) zu gesellschaftlichen Themen und Diskursen sowie Logiken des eigenen Kunstfelds ins Verhältnis setzen. Zentral dabei bleibt, dass in diesem Prozess durch das sinnlich-körperliche, responsive Einlassen auf den Prozess Erkenntnisse entstehen. Für Tanz, Tanztheater und Performance heißt das: Studio und Bühne fungieren als Labor; Methoden (Improvisation, Komposition, partizipative Settings), ästhetische Erfahrung und Dokumentationsformen (Video, Notation, Reflexionsprotokolle) bilden das Forschungsdesign – mit engem Bezug zu Prozessen des Spielens, Teilens, Zeigens.

Mehr zum Thema: Hanne Seitz (2015/2012): Performative Research. In: Kulturelle Bildung Online.

In einem Satz: Un/doing Age(ing): Alter(n) wird sozial gemacht – und kann im Tanz umgedeutet und neu verhandelt werden.


Alter(n) ist nicht nur ein „natürliches“ Phänomen. Alter(n) wird im eigenen Körper erlebt, ist also eine leibliche Erfahrung und zugleich sozial gerahmt und performativ hervorgebracht (doing age). Gleichzeitig lassen sich gesellschaftliche Alter(n)sbilder irritieren, verschieben, „aufknüpfen“ (undoing age). In diesem Spannungsfeld – un/doing age(ing) – treffen Körperwissen, leibliches Erleben und Normen aufeinander. Im Tanz lässt sich der Zusammenhang von Biografie, Körperwissen und tänzerischen Prozessen akzentuieren (Spahn 2022, Haller/Martin 2022). Alter(n) erscheint als gelebte Differenzerfahrung, die in ästhetischen Prozessen reflektier- und gestaltbar wird. Miriam Haller hebt hier aus kulturgeragogischer Perspektive die Möglichkeit des ageing trouble  hervor.

Mehr zum Thema: Haller, Miriam (2020/2010):Undoing Age: Die Performativität des alternden Körpers im autobiographischen Text. In: Kulturelle Bildung Online.

Weiterstöbern in Fachbeiträgen:

Lisa Thomas, eine ältere frau mit kurzem grauen Haar und Brille steht in einem schwarzen ärmellosen Oberteil mit über dem Kopf verschränkten Armen auf einer dunklen Bühne. Um ihre Oberarmre ist ein schwarzer, dehnbarer Stoffstreifen gewickelt.
  • Interview

„Jeder Körper trifft in jedem Alter performativ Entscheidungen, die zu einer besonderen Bewegungssprache führen“ – Tanzkunst mit älteren Menschen #3

In der dritten Folge mit Lisa Thomas geht es darum, wie wir uns von normschönen Körpern im Tanz verabschieden können, um dem Eigensinnigen mehr Raum zu geben.

Zwei ältere Frauen stehe in einer tänzerischen Bewegung voreinander. Sie haben beide kurze graue Haare, die hintere kurze und glatt, die vordere lockig. Im Hintergrund tanzt eine weitere Frau.
  • Interview

„Ich arbeite nicht mit den Unmöglichkeiten, sondern mit den Möglichkeiten“ – Tanzkunst mit älteren Menschen #2

In der zweiten Podcast-Folge spricht Lea Spahn mit Andrea Marton über ihr Anliegen, neue Bilder des Alters zu entwickeln, Normen zu hinterfragen und den alten Körper als gesellschaftlich relevanten Ausdruck zu begreifen.

Eine ältere Frau und ein älterer man proben lachend, Rücken an Rücken stehend eine Tanzszene unterstützt von einer weitere älteren Frau, die neben ihnen stehend ihre Haltung ausrichtet.
  • Interview

„Der Körper wird im kreativen Spiel alternslos“ – Tanzkunst mit älteren Menschen #1

In der ersten Podcast-Folge spricht Lea Spahn mit Silke Z. über ihre Tanz-Labore für die Generation Plus, über Spielfreude, lustvolle Zwischenräume und Erschöpfung als Methode.

Foto aus der Produktion „CAREambolage“ vom Zartbitter-Ensemble: Mehrere ältere Männer und Frauen stehen barfuß dicht nebeneinander auf einer Bühne. Sie haben Kissen um ihre Oberkörper gebunden und heben die angwinkelten Arme so, dass sie zum Teil die Gesichter verdecken. Sie tragen helle Kleidung.
  • Fachdiskurs

Zeigt euch! Ältere Menschen im Tanz

Alternde Körper sind im Tanz immer noch selten. Doch in der Freien Szene wächst der Mut, sie als künstlerische Ressource zu begreifen.

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Porträtfoto von Almuth Fricke in einer gelben Bluse vor einem türkisfarbenen Hintergrund

Almuth Fricke

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