Der Fachtag am 24. April 2026 im Kölner Seekabelhaus thematisierte Ambivalenzen der Sorge um das Alter(n) aus anthropologischer, sozialpolitischer und künstlerisch-kulturgeragogischer Perspektive. In Impulsen und Workshops wurden erfolgreiche Beispiele kulturgeragogischer Praxis vorgestellt, die Mut machen, gemeinsam eine neue Kultur der Sorge und Pflege zu entwickeln.
Alle zwei Jahre lädt kubia Kunst- und Kulturgeragog*innen sowie weitere Fachkräfte, die sich für die Kulturelle Bildung im Alter engagieren, zur Fachtagung Kulturgeragogik ein. Am 24. April 2026 war es wieder so weit: Rund 70 Teilnehmende trafen sich im Kölner Seekabelhaus. Dort hat neben kubia auch das Kulturgetriebe e. V. seinen Sitz. Das Weiterbildungsinstitut ist Kooperationspartner von kubia sowohl bei der Ausrichtung des Fachtags als auch bei der berufsbegleitenden Weiterbildung Kulturgeragogik. Deren Absolvent*innen haben sich im Fachverband Kunst- und Kulturgeragogik zusammengeschlossen, einem weiteren Kooperationspartner der Tagung.
Inhaltlich drehte sich der Fachtag um Kulturelle Bildung und Teilhabe im Kontext von Care. Das Spektrum reichte dabei von einer theoretischen Annährung an den Care-Begriff aus anthropologischer Perspektive über die Frage nach der Rolle der Kulturgeragogik im Rahmen von „Sorgenden Gemeinschaften“ und im Pflegesystem bis hin zu konkreten Beispielen guter Praxis.
Nach der Begrüßung durch kubia-Leiterin Almuth Fricke betonte Claudia Determann, Gruppenleiterin für spartenübergreifende Themen der Kultur im Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, in ihrem Grußwort, wie wichtig es sei, Care nicht nur innerhalb von Kunst- und Kultureinrichtungen zu verhandeln, sondern Kunst, Kultur und Kulturelle Bildung auch zu den Menschen in Pflegeeinrichtungen zu bringen. Dies zu unterstützen, sei schon lange ein Anliegen ihres Hauses.
„Das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW fördert seit 2008 das Kompetenzzentrum für Kulturelle Bildung im Alter und inklusive Kultur. Damit sind wir ein Vorreiter in diesem Themenfeld.“
Claudia Determann
Determann wies darauf hin, dass der Fonds Kulturelle Bildung im Alter, der ebenfalls vom NRW-Kulturministerium finanziert wird, im Förderjahr 2026 den Fokus auf modellhafte Projekte richte, die älteren Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen, Behinderung oder Pflegebedürftigkeit kulturelle Teilhabe ermöglichen. Der Fachtag schaue aber auch „über den Tellerrand von NRW hinaus nach Beispielen guter Praxis in Bayern und Berlin.“
Kein „Nice-to-have“, sondern Menschenrecht
Bevor es jedoch um diese Beispiele ging, übernahm Prof. Dr. Frank Schulz-Nieswandt die Aufgabe, den Care-Begriff aus anthropologischer und sozialpolitischer Perspektive einzuordnen. Er stellte klar, dass kulturgeragogische Arbeit im Kontext von Pflege kein „Accessoire“ ist: nett zu haben, aber nicht zwingend notwendig. Vielmehr legte er dar, wie kulturgeragogische Angebote Möglichkeitsräume zur Entwicklung der menschlichen Person im sozialen Miteinander eröffnen. Sie zielen auf eine humangerechte Aktualisierung von Körper, Geist und Seele älterer Menschen und ermöglichen auch vulnerablen älteren Menschen die Teilhabe und Teilgabe am sozialen und kulturellen Miteinander – ein Menschenrecht.
Tanztee & Prosecco: Berührende Tanzkunst im Pflegeheim
Was Frank Schulz-Nieswandt theoretisch ausführte, veranschaulichte anschließend der Film „Tanztee & Prosecco“. Ben Reiss dokumentiert darin das gleichnamige Projekt der Tanzkünstlerin Laura Saumweber. Zu sehen ist, wie Laura Saumweber und weitere Tänzer*innen in einer Münchner Pflegeeinrichtung in den tänzerischen Dialog mit den Bewohner*innen treten. Dabei gelingt es ihnen, die zum Teil gesundheitlich stark eingeschränkten Menschen – buchstäblich und im übertragenen Sinne – zu berühren.
Video „Tanztee & Prosecco“
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Ressortübergreifende Zusammenarbeit in der Kommune als Erfolgsfaktor
Dass in München Projekte wie „Tanztee & Prosecco“ stattfinden können, ist der Arbeit – und vor allem der Zusammenarbeit – von Gundula Iblher und Barbara Scharfenberg zu verdanken. Beide sind in der Verwaltung der bayerischen Landeshauptstadt tätig, Iblher im Kulturreferat und Scharfenberg im Sozialreferat. Gemeinsam stellten sie vor, wie sie durch ressortübergreifende Kooperation kulturelle Bildungsangebote gezielt in Pflegeeinrichtungen bringen.
Dazu haben sie u. a. einen qualitätsgeprüften Workshop-Pool eingerichtet, aus dem Pflegeeinrichtungen Angebote der Kulturellen Bildung auswählen und buchen können. Künstler*innen kommen dann mit einem erprobten, partizipativen Format aus den Bereichen Tanz, Musik, Bildende Kunst oder Literatur in die Einrichtungen. Um die Anbindung an die jeweilige Einrichtung und die „Passung“ für deren Bewohner*innen zu gewährleisten, werden die Angebote gemeinsam mit den Mitarbeitenden der hausinternen Tagesbetreuung geplant und umgesetzt – das sind städtisch geförderte Fachkräfte, die in den Münchner Einrichtungen dazu beitragen sollen, die Lebensqualität der Bewohner*innen zu verbessern.
Anschließend reisten die Tagungsbesucher*innen gedanklich von München nach Berlin. Von dort war Christine Vogt nach Köln gekommen war. Im Gespräch mit der Theaterwissenschaftlerin und -pädagogin Dr.in Jessica Höhn berichtete die Gründerin und künstlerische Leiterin des Theaterensembles PAPILLONS von ihrer langjährigen Arbeit im Pflegewohnheim „Am Kreuzberg“ in Berlin, die Menschen mit Demenz intensive ästhetische Erfahrungen ermöglicht.
Video „Dementia won't stop us“ über die PAPILLONS
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Workshops: Vertiefung und Austausch
Wer am Nachmittag tiefer in die Ansätze und Methoden von Christine Vogt einsteigen wollte, hatte in einem zweistündigen Workshop mit der Regisseurin und gelernten Kunsttherapeutin mit dem Schwerpunkt Theater Gelegenheit dazu.
Einen weiteren Workshop leitete Dany Handschuh von der Oper Dortmund. Die Dramaturgin stellte die Dortmunder Bürger*innenOper vor – ein Format, das in der Sparte Oper einzigartig ist. Sie berichtete, wie sich das Ensemble zum festen Bestandteil des Opernhauses entwickelt hat: Neben Eigenproduktionen werden Mitglieder regelmäßig außerdem in „reguläre“ Inszenierungen eingebunden. Auch der Grad der Partizipation steigerte sich von Produktion zu Produktion. Beim letztjährigen Stück „Who Cares?“ flossen schließlich schon von Anfang an die persönlichen Erfahrungen der Ensemble-Mitglieder in die Musiktheater-Produktion ein. Wichtig sei, in solche Produktionen Künstler*innen einzubeziehen, die Erfahrung mit partizipativen Arbeitsweisen und vor allem Lust darauf hätten.
Im dritten Workshop ging es mit der Kunst- und Musikgeragogin Dorothea Wiggenhauser um professionelle, freiberufliche Praxis im Feld der Kulturellen Bildung im Alter. Dazu trafen sich vierzehn Praktiker*innen im kubia-Büro. Mithilfe eines Fragebogens und in Gesprächen reflektierten und schärften sie ihr berufliches Profil im Hinblick auf die Zusammenarbeit mit Pflegeeinrichtungen. Dorothea Wiggenhauser berichtete zudem von ihren Erfahrungen mit Kundenakquise, Honorarverhandlungen und Vertragsvereinbarungen.
Den künstlerischen Schlusspunkt der Tagung setzten Irmgard Himstedt und Felicitas Martin. Sie zeigten einen Ausschnitt aus der Perfomance-Reihe „About Care“, die sie zusammen mit weiteren Künstler*innen aus Köln entwickelt haben. Darin setzen sie sich augenzwinkernd mit dem Thema „Verbundenheit“ auseinander.
Fazit
Ressourcen- und Personalmangel im Care-Sektor erschweren die kulturelle Teilhabe pflegebedürftiger älterer Menschen. Denn: Steht die Pflege unter Druck, erscheint die kulturgeragogische Arbeit schnell als überflüssiges Beiwerk. Die 8. Fachtagung Kulturgeragogik zeigte jedoch eindrucksvoll, dass Kulturelle Bildung zur Stärkung des Wohlbefindens und Miteinanders von Pflegebedürftigen, Pflegenden und Angehörigen beitragen kann. Gerade wenn der Pflegealltag wenig Raum für persönliche Zuwendung bietet, können künstlerisch-ästhetische Erfahrungen zu einer Kultur der Sorge beitragen, die über das viel zitierte „sicher, sauber und satt“ hinausgeht. Die Beispiele aus Berlin und München haben auch gezeigt, dass es trotz Ressourcenknappheit Möglichkeiten gibt, Angebote zu organisieren, zu finanzieren und umzusetzen. Während die vorgestellten Projekte in Pflegeeinrichtungen die „Care“-Wirkung von ästhetischen Erfahrungen veranschaulichten, lieferten die Einblicke in die Produktion „Who Cares?“ der Dortmunder Bürger*innen-Oper und in die Performance „About Care“ Beispiele dafür, wie das Thema Sorge künstlerisch befragt und reflektiert werden kann.
Perspektivwechsel und Partizipation für bessere Kooperationen – Rückblick auf die 7. Fachtagung Kunst- und Kulturgeragogik
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Im Blick: Altersbilder – Thementag zur neuen Sichtbarkeit des Alters in Kunst und Kultur
Bei einem Thementag am 16. April 2024 in Köln nahmen kubia und die SK Stiftung Kultur die neue Sichtbarkeit des Alters in Kunst und Kultur in den Fokus und luden dazu ein, Altersbilder selbst zu erzeugen.