Auf die Haltung kommt es an! Kulturgeragogik im demokratischen Sozialraum
© Karsten Thormaehlen | Fotoausstellung „Wer rastet, der rostet!“ 2021
Ralf Brüning, Karateka, trainiert für den 8. Dan
Kulturgeragogische Arbeit ist kein Accessoire einer „eigentlichen“ Sozialpolitik des Alters: nett zu haben, aber nicht zwingend notwendig. Vielmehr bilden kulturgeragogische Angebote Möglichkeitsräume der Entwicklung der menschlichen Person im demokratischen Sozialraum. Sie zielen auf eine humangerechte Aktualisierung von Körper, Geist und Seele älterer Menschen. Das bedeutet gleichzeitig, auch vulnerablen älteren Menschen die Teilhabe und Teilgabe am sozialen und kulturellen Miteinander zu ermöglichen. Es geht in kulturgeragogischen Angeboten immer um das Selbst-Sein im sozialen Mit- Sein im Medium der Künste. Dabei orientieren sich die Angebote am Sozialraum. Sie sind so elementarer Bestandteil einer Politik der lokalen Demokratie und der sozialen Inklusion in der Kommune.
Der Mensch ist als Naturwesen ein Organismus, der von dem Lebensmerkmal der Endlichkeit geprägt ist. Er durchläuft eine Lebensspanne, an deren Ende der Tod steht. Der Tod ist ein großes dramatisches Daseinsthema in der Geschichte der Selbstreflexion des Menschen. Im Sinne von Helmuth Plessers Kategorie der „exzentrischen Positionalität“ kann der Mensch sich selbst nochmals zum Gegenstand einer Reflexion mit Blick auf tiefste Selbstbesinnung und höchste Wohlbedachtheit machen. Anthropologisch lässt sich der Mensch als ein mit seinem Körper und seiner Psyche in Raum und Zeit historisch verortetes „Naturwesen mit Geist“ (Adolf Portmann) begreifen. Seine Humanität begründet sich darin, nicht nur die Existenz seines „nackten Lebens“ zu fristen, sondern ein sinnerfülltes Dasein zu führen. Es geht darum, das Leben zu gestalten und das Durchlaufen des Lebenszyklus in eine Gestaltwahrheit zu transformieren.
Gestaltetes Leben
Dieses gestaltete Leben bedeutet die Bildung des Menschen als Formung zur Person – so, wie sie als „Paideia“ bereits in der antiken Polis gedacht wurde. Modern aktualisiert wurde dieses Bildungsverständnis in der politischen Philosophie von Hannah Arendt und in der Sozialphilosophie von Martha Nussbaum. Diese Entwicklungsaufgabe stellt sich nicht nur als Geschehen in Kindheit und Jugend, als Erziehung und Sozialisation in der „langen extrauterinen Embryonalphase“ (Adolf Portmann) hin zu jungen Erwachsenen als deren „zweite, soziokulturelle Geburt“ (Dieter Claessens), als ein Werden durch Wachstum dar. Es ist vielmehr ein lebenslanger Prozess. Selbst das Sterben ist eine zu gestaltende letzte Entwicklungsaufgabe. Was mitunter als sogenanntes Lebenslanges Lernen diskutiert wird, bezieht sich auf die Bildungsaufgabe des Menschen bis in die Hochaltrigkeit (vgl. Schulz-Nieswandt 2024b) hinein. Der Begriff des Lebenslangen Lernens ist jedoch nicht ohne Ambivalenz zu verwenden – zumindest, wenn dieses Lernen nur dem neoliberalen Dispositiv der produktivistischen Selbstoptimierung dienen soll. Ebenfalls nicht ohne Ambivalenz wird mitunter das produktive, erfolgreiche Altern diskutiert. Aus Perspektive der Philosophischen Anthropologie erweist sich ein solches Altern im Grunde als Suche nach Sinn. Das Gelingen des Alterns wird jedoch erst dann richtig verstehbar, wenn die lebenslange Plastizität des Menschen von der Kraft der Kreativität mit einer Haltung der liebenden Weltoffenheit als Weltverhältnis des Menschen zum Mitmenschen, zu den Dingen und zur Natur aufgegriffen wird.
Kulturgeragogik als Teil sozialer Wirklichkeit
Mit diesen selektiven, aber hier nun hinreichenden Bemerkungen zur Philosophischen Anthropologie und Erziehungsphilosophie lässt sich die Kulturgeragogik herleiten. So wie das ganze konkret-geschichtliche Leben in der Psychologie der subjektiven Persönlichkeit erklärbar wird – als Zusammenspiel von Genetik, Sozialökologie der Kultur und Umwelt und Soziologie der sozialen Ungleichheit –, so sind auch die Geragogik und Kulturgeragogik Teil der sozialen Wirklichkeit. Sie sind somit eingeordnet in die gerontologische Sozialpolitik des sozialen, föderalen Rechtsstaats und stehen im Wirkungszusammenhang mit der Zivilgesellschaft, deren Freiheit von der Politik des sozialen Rechtsstaats gewährleistet wird (vgl. Art. 20 GG). Hierbei gilt es, das Engagement der „verfassungspatriotischen“ (Jürgen Habermas), zivilgesellschaftlichen Öffentlichkeit zu bejahen. Ziel kulturgeragogischer Care-Arbeit ist es, Möglichkeitsräume der schöpferischen Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit in ihrem Entwicklungspotenzial bis zur Grenzsituation des Todes zu gestalten.
Prof. Dr. Frank Schulz-Nieswandt bei seinem Vortrag auf der 8. Fachtagung Kulturgeragogik im April 2026 in Köln
© Jürgen Brinkmann
Kulturgeragogik – aus rechtsphilosophischer und ethischer Perspektive
Kulturgeragogik setzt erfahrungswissenschaftlich differenzierte, aber dem Grunde nach positive, hoffnungsvolle Bilder des Alter(n)s (vgl. Schulz- Nieswandt 2024b) voraus, die an der Rechtsphilosophie und Ethik der sozialen Inklusion als Leitstern – etwa in der Gestalt des „kubia-Qualitätssterns“ (Haller et al. 2025) – normativ bindend orientiert sind. Wenn Personalität (vgl. Art. 1 GG) den Kern der Würdearbeit ausmacht, dann geht es um den sittlichen Grundsatz (vgl. Art. 2 GG) der „sozialen Freiheit“ der „genossenschaftsartigen Miteinanderfreiheit in Miteinanderverantwortung“ (Schulz-Nieswandt 2026a, 2026b). Die Rechtsbegriffe reichen von der Selbstbestimmung, der Selbstständigkeit, der (nicht nur passiven) Teilhabe und aktiven Teilgabe im System der Sozialgesetzbücher (SGB) bis hin etwa zu Wohn- und Teilhabegesetzen (WTG) der Bundesländer. Sie sind eingebettet in das Völkerrecht der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (AEMR), der Grundrechtskonventionen der Vereinten Nationen (UN-GRK) und auch in die Charta der Grundrechte der Europäischen Union (GRC der EU). Im sozialen Zusammenleben, dessen Alltag im lokalen Quartier und im regionalen Sozialraum der kommunalen Daseinsvorsorge (vgl. Schulz- Nieswandt 2026a, 2026b) als Erfahrungsgeschehen von Ereignissen erlebt wird, geht es um das Gelingen (oder eben auch Scheitern) jenes sinnhaft erfüllten Selbst-Seins im sozialen Mit-Sein, das ich oben beschrieben habe. Qualitätsvolle kulturgeragogische Projekte können sozial innovativ im Hinblick auf eben dieses im Prozess des Alterns sinnhaft erfüllte Selbst-Sein im sozialen Mit-Sein wirken.
Soziale Innovation für das Altern
Hier kommt der „Index Soziale Innovation für das Altern“ (PoSIA) ins Spiel. Er ist ein Instrument, mit dem die sozial innovative Wirkung von Projekten und Einrichtungen eingeschätzt werden kann. Der Index kann auch dazu genutzt werden, die sozial-innovative Wirkung der kulturgeragogischen Praxis im Quartier und im Sozialraum zu evaluieren. Soziale Innovationen sind Veränderungen in der Praxis des sozialen Miteinanders im Lichte der sozialen Inklusion. Sie fördern die solidarische Miteinanderfreiheit in Miteinanderverantwortung. Sie überwinden die „ontologische Obdachlosigkeit“ der sozialen Ausgrenzung und – wo das Subjekt psychodynamisch in seiner Tiefe erreicht wird – sogar die Einsamkeit ebenso wie die Bildungsarmut und die „Kasernierung“ im hohen Alter in „Satt-, Sauber-, Sicher-, Still“-Kulturen der Einrichtungen der Langzeitpflege. Anregende Umwelten des Gelingens der Hochaltrigkeit sind grundrechtlich als sorgende Würdearbeit zu begreifen und zu fördern bzw. befähigend zu gewährleisten (vgl. Schulz-Nieswandt 2024a). Im Sinne einer phänomenologischen Psychologie formuliert: Gemeint sind Resonanzräume, die Körper, Geist und Seele des Menschen in der Atmosphäre eines Zaubers von Klangwelten aktivieren.
Vom PoSIA-Index zum Demokratie-Index
Ist der PoSIA-Index ein Instrument zur Vermessung der Innovativität von sozialen Innovationen in der Praxis der Gestaltung des Alterns in der Gesellschaft, so wurde er nun zu einem Generationen- Index und zu einem Demokratie-Index weiterentwickelt (vgl. Thomas/Thimm/Schulz-Nieswandt 2026). Diese Weiterentwicklung des Index wird von der philosophischen Herleitung motiviert, in die auch die Kulturgeragogik eingebettet ist. Gelingendes Altern ist nur im Generationengefüge zu realisieren. Ein gelingendes intergenerationelles Miteinander ist in gelingende demokratische Prozesse eingebettet. Es braucht Maßstäbe, um Gelingen oder Scheitern überhaupt beurteilen zu können. Der Generationen-Index zeigt an, wie gut generationenübergreifende Projekte zur Förderung des gelingenden Miteinanders zwischen den Generationen zu einem guten Leben beitragen. Er untersucht, inwiefern ein Vorhaben dazu geeignet ist, den Dialog, das Verständnis und die Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Altersgruppen zu stärken. Es wird auch nach den Haltungen und Einstellungen, mit denen die Projekte an ihre Aufgabe herangehen, und nach den Arten und Weisen der Umsetzung in den Prozessen gefragt.
Kulturgeragogik im demokratischen Sozialraum
Der Geschehensort des Erfahrungserlebens sozialer Inklusion ist die Kommune als Lebenswelt. Ihr obliegt die Aufgabe der sozialen Daseinsvorsorge (Art. 28 GG im Lichte des Art. 36 GRC der EU), auch mit Blick auf das Staatsziel der „Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse im Raum“ in Art. 72 GG. Der Sozialraum ist das Gewebe sozialer Beziehungen. Es sind die sozialen Netzwerke („connectedness“) und die kulturelle Einbettung („embeddedness“), die es den vulnerablen und auf Sorgearbeit angewiesenen Menschen, aber auch den in diesem Sozialraum kulturell engagierten Menschen ermöglichen, ihre Entwicklungsaufgaben als Herausforderungen im Lebenslauf erfolgreich zu bewältigen.
Auf die Haltung kommt es an
Der inklusive Geist muss den Sozialraum und somit die dort lebenden Menschen in ihrem Alltag in den verschiedenen Settings von Wohnen und Nachbarschaft, Projekten und institutionellen Einrichtungen, Verwaltungen und Organisationen erfassen (vgl. Schulz-Nieswandt 2026b). Antoine Saint-Exupéry hatte recht: Man sieht nur mit dem Herzen gut! Der Mensch ist nichts anderes als der Knotenpunkt seiner sozialen Beziehungen: Auf die Haltung kommt es an!
Prof. (em.) Dr. Frank Schulz-Nieswandt ist Direktor des Seminars für Genossenschaftswesen der Universität zu Köln und Kurator im Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA).
Miriam Haller/Christiane Kaminski/Petra Kellermann/ Sophie Voets-Hahne (2025): Strahlkraft der Kulturgeragogik. Der kubia-Qualitätsstern als Arbeitshilfe für kulturelle Bildungsangebote im Alter. [Zugriff: 28.04.2026].
Frank Schulz-Nieswandt (2024a): Das Leben ändern als ein Werden in wachsenden Ringen. Ein Essay zur Möglichkeit, über „Fortschritt“ sinnvoll zu reden. Schriften der Gesellschaft für Sozialen Fortschritt, Bd. 33. Berlin: Duncker & Humblot.
Frank Schulz-Nieswandt (2024b): Die Zukunft des Alterns. Gemeinwohl und Lebensformen neu denken. Gießen: Psychosozial.
Frank Schulz-Nieswandt (2026a): Wohnen, Bewegung, Begegnung. Eine Theorie des Sozialraums. Baden-Baden: Nomos.
Frank Schulz-Nieswandt (2026b): Die genossenschaftliche Form als Krönung der Sozialraumentwicklung. Eine soziale Morphologie des Telos des INSOLA-Projektes. Baden-Baden: Nomos.
Manuela Thomas/Philipp Thimm/Frank Schulz-Nieswandt (2026): Die kritische Vermessung der Innovativität von sozialen Innovationen. Index-Nutzungen im sozialen Lernen und im kreativen Handeln zwischen Theorie der fundierten Entwicklung und Praxis in sozialen Handlungsfeldern kommunaler Daseinsvorsorge. In: Zeitschrift für Gemeinwirtschaft und Gemeinwohl, 49(1), S. 143-157.