BeRatung für die Zukunft – Ein Rat der Generationen gründet sich am Theater der Jungen Welt in Leipzig
© Jana Mila Lippitz
Welche Formen von Austausch entstehen, wenn Generationen nicht übereinander sprechen, sondern sich miteinander beraten? Was passiert, wenn gesellschaftliche Bilder und Vorannahmen über Alter als Konstruktion erkannt werden? Wenn politische Prozesse in einen künstlerischen Raum verlagert werden? Gemeinsam mit der freien Theatermacherin Katrin Maiwald berief das Leipziger Theater der Jungen Welt (TDJW) einen Rat der Generationen: Zwischen April und Juni 2025 kamen bis zu 30 Leipziger*innen im Alter von zehn bis 74 Jahren zusammen. Sie bildeten ein Gremium von Menschen aus verschiedenen Stadtteilen und Geburtsjahrgängen, die sonst selten gemeinsam an einem Tisch sitzen.
„Ich wusste nicht, dass das gerade an den Schulen passiert …“, sagt Christa, 74 Jahre alt, und damit ältestes Ratsmitglied. Sie reagiert auf eine performative Interviewsituation, in der sich einige der jüngeren Ratsmitglieder, zehn- bis 18-jährig, auf die Frage, was sie ungerecht finden, in Rage reden: der Schulalltag, all die Zeit, die sie dort verbringen, die Hierarchie zwischen Lehrpersonen und Schüler*innen, Leistungsdruck, zerbröckelnde Infrastruktur, tief empfundene Ungerechtigkeit und das Gefühl, nichts ändern oder ausrichten zu können. Die Wortbeiträge reißen nicht ab, die jungen Ratsmitglieder feuern sich gegenseitig an, und irgendwann wirkt das gemeinsam geklagte Leid, wirken die grotesken Szenen, die beschrieben werden, fast wie ein empowernder Moment. Die Erwachsenen hören schweigend zu. Sie bezeugen und stellen ausnahmsweise nicht infrage.
Altersgemischte Gruppe
Christa möchte im Verlauf des Projekts auch den Stimmen von Menschen, die noch älter sind als sie, Gehör verschaffen. Sie führt Interviews mit Bekannten in Altenheimen und bringt die Aufnahmen mit zu den Ratstreffen. Der Rat der Generationen ist von Beginn an eine altersgemischte Gruppe, deren Mitglieder gegenseitig Einblick in ihre zumeist verschiedenen Lebensrealitäten bekommen, die aufgrund von Alter, Behinderung, Queerfeindlichkeit, Rassismus oder Geldmangel oft marginalisiert bleiben. Strukturelle Herausforderungen und ganz konkrete Ungerechtigkeiten, die politisch und gesellschaftlich aktuell ungelöst bleiben, werden im Rat der Generationen diskutiert und an der Schnittstelle von Kunst und Politik verhandelt.
Demografischer Wandel und Mitbestimmung
Ausgangspunkt des Projekts ist der demografische Wandel und seine spürbare Realität: Im Jahr 2024 feierten etwa doppelt so viele Menschen ihren 60. Geburtstag, wie Neugeborene zur Welt kamen. Auch in Leipzig verschiebt sich das Verhältnis und macht sich bemerkbar. Dass es mehr ältere als jüngere Menschen gibt, wirft wichtige Fragen auf: Wie verändert sich dadurch der Einfluss auf politische Entscheidungen, auf die öffentliche Aufmerksamkeit und auf die Gestaltung unserer Zukunft? Wem wird stärker zugehört – der Generation mit der meisten Lebenserfahrung oder jener mit der höchsten Lebenserwartung?
Vor diesem Hintergrund stellen wir für den Rat der Generationen eine erste Regel auf: Anders als in einem an Mehrheiten orientierten Parlament müssen stets je 50 Prozent unter sowie über 18-Jährige vertreten sein. Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Senior*innen mit unterschiedlich langen Vergangenheiten und Zukünften sollen so möglichst gleichberechtigt miteinander verhandeln. Die Generationen übernehmen füreinander Verantwortung und entwickeln gerechte Zukunftsvisionen. Mit seinen Themen wie Schule und Bildung, Klima und Wirtschaft, Pflege und Wohnen, Menschsein und Gerechtigkeit sowie mit seinen ästhetischen Mitteln versteht sich der Rat der Generationen nicht als symbolische Begegnung von Menschen verschiedenen Alters, sondern als Ort des Probehandelns.
Jenseits von Jugend- und Seniorenräten
Der Rat der Generationen unterscheidet sich bewusst von bestehenden Formaten wie Jugend- oder Seniorenräten. Diese Interessenvertretungen bleiben meist innerhalb einer Altersgruppe organisiert. Der Rat dagegen versteht sich als künstlerisches Forschungsprojekt mit dem Ziel, Formen für generationenübergreifende Diskursformate, gleichberechtigte Entscheidungsfindungsprozesse und Beratungsgremien zu entwickeln. Vier Tage lang arbeitet der Rat im Juni 2025 im Theater mit Künstler*innen der Geheimen Dramaturgischen Gesellschaft und dem Theater Artemis sowie mit Expert*innen aus Wissenschaft und Gesellschaft zusammen. Den Abschluss bildet eine öffentliche Ratsversammlung am 24. Juni 2025 im Theater der Jungen Welt. Dort verabschiedet das altersübergreifende Gremium seine Forderungen. Im Anschluss reist eine Delegation des Rats nach Berlin, um die unter anderem mit dem Publikum erarbeiteten Ratschläge an Leipziger Bundestagsabgeordnete zu übergeben.
© Winnie Karnofka | Ratsdelegation mit ihren Vorschlägen vor dem Deutschen Bundestag in Berlin
Perspektivwechsel als Intervention
Das gemeinsame Arbeiten ist nicht immer einfach und stellt uns vor die Herausforderungen, allein organisatorisch: Wann finden Treffen statt, wenn Schulzeiten, Arbeitszeiten, Carearbeit und Therapiezeiten aufeinandertreffen? Auch kommunikativ verlangt der Prozess Geduld. Unterschiedliche Bedürfnis- und Erfahrungswelten treffen aufeinander: Ist das ein Theaterprojekt? Oder Politik? Was werden wir mit unserem Rat schon bewegen können? Es entsteht jedoch in diesen Momenten des Zweifelns das eigentliche Potenzial des Projekts. Der Rat wird zum Begegnungs- und Aushandlungsraum: Er widersetzt sich gesellschaftlichen Narrativen eines „Jung gegen Alt“ ebenso wie den Produktionslogiken und Hierarchien eines Theaterprozesses. Die Ratsmitglieder suchen nach dem, was sie verbindet – und danach, wie sie sich gegenseitig unterstützen können. Dabei ermöglicht der künstlerische Rahmen einen Perspektivwechsel. Die Distanz zum Alltag eröffnet Möglichkeiten, gesellschaftliche Fragen konkret zu erproben. Aus abstrakten Generationen werden konkrete Gegenüber – mit Ängsten, Ideen, Hoffnungen und Verantwortlichkeiten.
Die BeRatung geht weiter
Über den Juni 2025 hinaus haben einige der Ratsmitglieder eine eigenständige Gruppe entwickelt, die sich zu großen Teilen selbstorganisiert, sich bis heute regelmäßig im Theater trifft und weitere Aktionen plant. Das Spiel mit dem Wort „BeRATen“ bildet im weiteren Verlauf den roten Faden: Beratung wird nicht als abgeschlossene Expertise verstanden, sondern als gemeinsamer, fortlaufender Prozess mit dem Publikum und Entscheidungsträger*innen. Auf dass zukünftig nicht mehr nur für, sondern mit verschiedenen Generationen gedacht und erprobt wird!
Katrin Maiwald ist freischaffende Theatervermittlerin und Regisseurin. Sie lebt in Leipzig. Von 2010 bis 2022 war sie am Landestheater Linz, am Staatstheater Mainz und zuletzt als Leiterin der Theatervermittlung am Theater der Jungen Welt fest engagiert. Als Vorstandsvorsitzende der ASSITEJ e. V. engagiert sie sich ehrenamtlich für „darstellende künste & junges publikum“. Die Initiative „Theater & Adultismus“ hat sie 2024 mit Juliane Barz und Pauri Röwert sowie jungen Kompliz*innen gegründet. Die künstlerische Leitung für den Rat der Generationen übernahm sie 2025.