Die folgenden neun Punkte fassen zentrale Erkenntnisse aus der Praxis von Tanzkünstlerinnen zusammen, die seit vielen Jahren mit älteren Menschen arbeiten. Sie zeigen, welche Haltungen, Arbeitsweisen und künstlerischen Qualitäten diese Praxis prägen – und wie Tanz Räume für Ausdruck und Teilhabe eröffnen kann. Dadurch können stereotype Bilder des Alter(n)s irritiert und neue Perspektiven auf Alter(n) erprobt werden.
Tanzkünstlerische Arbeit mit älteren Menschen richtet den Blick auf Körper, Erfahrungen und Ausdrucksformen, die in vielen kulturellen Kontexten bislang wenig sichtbar sind. Alter(n) wird darin nicht als Einschränkung, sondern als Ressource für künstlerische Prozesse verstanden. Aus Interviews, Podcasts, Workshops und Probenbeobachtungen haben wir neun Arbeitsweisen oder auch Besonderheiten zusammengestellt, die die tanzkünstlerische Arbeit auszeichnen – geprägt von gemeinsamer Recherche, körperlichem Zuhören und der Entwicklung individueller Bewegungssprachen.
1. Vom Defizit zum Möglichkeitsraum
„Ich arbeite nicht mit den Unmöglichkeiten, sondern mit den Möglichkeiten, die jede einzelne Person mitbringt.“
Andrea Marton
Tanzkünstlerische Arbeit mit älteren Menschen richtet den Blick bewusst auf vorhandene Fähigkeiten, Erfahrungen und Ausdrucksformen. Ausgangspunkt sind nicht körperliche Einschränkungen, sondern die individuellen Möglichkeiten jedes Körpers.
2. Ältere Menschen als Expert*innen ihrer eigenen Bewegung
„Wir verstehen wirklich jeden Teilnehmer und jede Teilnehmerin als Expert*innen ihrer eigenen Bewegung.“
Silke Z.
Die künstlerische Praxis basiert auf der Anerkennung, dass jeder Mensch über eine eigene körperliche Erfahrung und Bewegungskompetenz verfügt. Die Teilnehmenden werden daher nicht primär als Lernende, sondern als Expert*innen ihrer eigenen Bewegung verstanden.
3. Tanz als gemeinsamer Rechercheprozess
„Wir sind in einer Bewegungsrecherche miteinander verbunden.“
Andrea Marton
Die Arbeit ist weniger als Vermittlungspraxis zu verstehen, sondern als eine Bewegungsrecherche. Künstler*innen und Teilnehmende erkunden gemeinsam Bewegungen, Ausdrucksformen und Themen, die aus der Gruppe selbst entstehen oder als thematischer Impuls gegeben werden.
4. Entwicklung einer eigenen Bewegungssprache
"Jeder Körper in jedem Alter trifft performativ Entscheidungen, die zu einer sehr eigenwilligen und besonderen Bewegungssprache führen.“
Lisa Thomas
Ein zentrales Ziel besteht darin, dass Teilnehmende ihre eigene körperliche Ausdrucksweise entwickeln und künstlerische Entscheidungen treffen können. Tanz wird so zu einem Raum, in dem individuelle Bewegungsqualitäten sichtbar werden.
5. Körperliches Wahrnehmen und Zuhören ermöglichen
„Sich selbst zuzuhören heißt auch, sich auf der körperlichen Ebene zu spüren und wahrzunehmen.“
Silke Z.
Tanzkünstlerische Prozesse fördern die Fähigkeit, den eigenen Körper und die Bewegungen anderer aufmerksam wahrzunehmen. Wenn wir Körpern als listening bodies Zeit geben, entstehen differenzierte Formen von Selbstwahrnehmung und zwischenmenschlicher Kommunikation.
6. Alter als ästhetische Ressource verstehen
„Dann sehe ich Körper in Bewegung und das Alter wird irrelevant.“
Silke Z.
Im künstlerischen Prozess treten stereotype Vorstellungen vom Altern in den Hintergrund. Stattdessen werden die je eigenen Qualitäten, Erfahrungen und Ausdrucksmöglichkeiten älterer Körper sichtbar und in ihrem künstlerischen Potenzial ernst genommen.
7. Tanz als Raum für Sichtbarkeit und kulturelle Teilhabe
„Dem wohnt natürlich auch das Politische inne – die Sichtbarkeit von älteren Körpern im öffentlichen Raum.“
Andrea Marton
Tanzprojekte mit älteren Menschen schaffen Räume gesellschaftlicher Teilhabe und machen ältere Körper im öffentlichen Raum sichtbar. Sie tragen damit auch zu einer demokratischen, intergenerationellen und inklusiven Kulturpraxis bei.
8. Unterlaufen von ageistischen Identitätszuschreibungen
„Ich glaube aber auch, dass der intergenerationelle Dialog da ganz wichtig ist, um ein bisschen darauf hinzuweisen, das sind keine neuen Themen. Und es braucht die Vehemenz (…) und auch Bündnisse.“
Lisa Thomas
Tanzprojekte mit älteren Menschen regen dazu an, Alter(n)sstereotype infrage zu stellen. Das kann explizit geschehen, indem Ageismus zum Thema von Performances gemacht wird. Aber auch in der gemeinsamen Körper- und Bewegungserkundung können eigene Wahrnehmungen von Zuschreibungen gegenüber alternden Körpern – auch im Sinne ageistischer Selbstdiskriminierungen – der Reflexion zugänglich werden.
9. Alter als künstlerische Qualität: Erfahrung, Gelassenheit und Spielfreude
„Warten wir einfach bis wir 60 sind und dann stellen wir uns auf die Bühne. Da kommt so viel Weisheit und so eine Gelassenheit.“
Silke Z.
Tanzkünstlerische Arbeit mit älteren Menschen macht sichtbar, dass Alter nicht nur eine biografische Phase, sondern auch eine besondere künstlerische Ressource sein kann. Lebenserfahrung, Gelassenheit und eine oft überraschende Spielfreude prägen die Bewegungsqualitäten vieler älterer Tänzer*innen und eröffnen eigene ästhetische Perspektiven.
Weiterstöbern in Fachbeiträgen:
Interview
„Jeder Körper trifft in jedem Alter performativ Entscheidungen, die zu einer besonderen Bewegungssprache führen“ – Tanzkunst mit älteren Menschen #3
In der dritten Folge mit Lisa Thomas geht es darum, wie wir uns von normschönen Körpern im Tanz verabschieden können, um dem Eigensinnigen mehr Raum zu geben.
„Ich arbeite nicht mit den Unmöglichkeiten, sondern mit den Möglichkeiten“ – Tanzkunst mit älteren Menschen #2
In der zweiten Podcast-Folge spricht Lea Spahn mit Andrea Marton über ihr Anliegen, neue Bilder des Alters zu entwickeln, Normen zu hinterfragen und den alten Körper als gesellschaftlich relevanten Ausdruck zu begreifen.
„Der Körper wird im kreativen Spiel alternslos“ – Tanzkunst mit älteren Menschen #1
In der ersten Podcast-Folge spricht Lea Spahn mit Silke Z. über ihre Tanz-Labore für die Generation Plus, über Spielfreude, lustvolle Zwischenräume und Erschöpfung als Methode.