Zeigt euch! Ältere Menschen im Tanz
Alternde Körper sind im Tanz immer noch selten. Doch in der Freien Szene wächst der Mut, sie als künstlerische Ressource zu begreifen.
© Matthis Volkmar | Temptation, Silke Z. & David Vogel, 2024
© Franz Kimmel
Mit diesem Dossier über Tanz und Alter(n) laden wir Tanzvermittler*innen und Tanzgeragog*innen zum Austausch über Methoden und zur Reflexion der eigenen Praxis ein.
Die Choreografin und Tanzvermittlerin Silke Z. hat hierzu den Anstoß gegeben, den kubia gern aufgegriffen hat. Gemeinsam mit der Tanzwissenschaftlerin Lea Spahn haben wir dieses Dossier entwickelt.
Mit zunehmendem Alter stehen Menschen seltener auf Bühnen, nehmen weniger selbstverständlich an künstlerischen Prozessen teil und sind im zeitgenössischen Kunstdiskurs unterrepräsentiert. Silke Z. versteht ihre Arbeit als Gegenbewegung zu dieser Unsichtbarkeit. Sie lädt die ältere Generation ein, sich tanzend zu zeigen, Räume einzunehmen und ins Rampenlicht zu treten. Getragen von ihrer Faszination für die Kraft, Präsenz und gelebte Weisheit des älteren Körpers bindet sie deshalb seit vielen Jahren immer wieder bewusst ältere Tänzer*innen in ihre choreografischen Arbeiten ein.
Seit 2020 entwickelt sie in künstlerischen Laboren spezifische Methoden für die tänzerische und performative Arbeit mit älteren Menschen. Aus dieser künstlerischen und persönlichen Auseinandersetzung heraus entstand die künstlerische Forschungsarbeit „The Ageing Body“. Ihr liegt die Überzeugung zugrunde, dass Alter(n) nicht als Defizit, sondern als vielschichtiger Erfahrungsraum verstanden werden muss. Denn Altern betrifft uns alle – und doch wird es gesellschaftlich häufig einseitig betrachtet.
Ein Meilenstein war die Fachtagung „Tanzkunst & Alter(n)“, die Silke Z. gemeinsam mit Kolleg*innen im Jahr 2022 in Köln initiierte. Die kulturwissenschaftliche Alter(n)s- und Bildungswissenschaftlerin Miriam Haller von kubia sprach dort über „Un/doing Age. Performativität und Performanzen des Alter(n)s“. Künstler*innen und Tanz-Forschende kamen zusammen, um Perspektiven aus Praxis und Wissenschaft miteinander zu verbinden. Es entstanden tragfähige Brücken zwischen theoretischer Reflexion und konkreten künstlerischen Projekten. Der dort begonnene Dialog über Arbeitsweisen, Haltungen und Methoden wirkt bis heute fort – und bildet die Grundlage für das vorliegende Dossier.
In Folge der Tagung entstand die Idee zu einem größeren Bühnenprojekt in Kooperation mit dem Schauspiel Köln und dem Regisseur David Vogel. Gemeinsam mit ihm konzipierte Silke Z. das Festival „One Night Stand“ und produzierte das Bühnenstück „Temptation“. Die Tanzschaffende Andrea Marton (München) sowie die Choreograf*innen Pascal Sangl und Lisa Thomas (Ludwigsburg) wurden eingeladen, weitere künstlerische Produktionen mit älteren Menschen zu entwickeln. Im Zentrum standen Fragen nach Alter(n), Sichtbarkeit und Sexualität – Themen, die gesellschaftlich oft tabuisiert werden und im performativen Raum neue Ausdrucksformen fanden.
Das vorliegende Dossier dokumentiert und reflektiert Methoden, Haltungen und Erfahrungen, die daraus hervorgegangen sind. Es versteht sich als Einladung, den älteren Körper nicht nur mitzudenken, sondern ihn als künstlerische Kraftquelle anzuerkennen – auf der Bühne wie im gesellschaftlichen Diskurs.
Es ist ein Beitrag zur künstlerischen Altersforschung und zur Weiterentwicklung einer performativen Praxis, die den älteren Körper als ästhetisches Potenzial begreift.
Das Dossier versteht sich als methodischer Werkzeugkasten und zugleich als Diskursraum, in dem Alter(n) als produktive Kategorie künstlerischer Arbeit neu verhandelt wird. Darüber hinaus gibt es Hinweise zu den Besonderheiten in der Arbeit mit Älteren und stellt (wissenschaftliche) Materialien, ein Glossar sowie Podcasts mit Tanzvermittlerinnen zur Verfügung, die seit langem tanzgeragogisch arbeiten.
Das Dossier soll weiter wachsen – melden Sie sich deshalb gerne bei uns, sowohl mit Methoden als auch mit Diskursbeiträgen, die Sie zum Dossier beisteuern möchten!
Silke Z. / resistdance
Almuth Fricke und Miriam Haller / kubia
Alternde Körper sind im Tanz immer noch selten. Doch in der Freien Szene wächst der Mut, sie als künstlerische Ressource zu begreifen.
In diesem dreiteiligen Podcast sprechen Tanzwissenschaftlerin Lea Spahn und drei Choreografinnen über tanzkünstlerisches Arbeiten mit älteren Menschen. Im Mittelpunkt stehen alternde Körper in Bewegung, biografische Methoden und die Frage, wie Tanz ambivalente Bilder vom Altern sichtbar machen kann.
In der ersten Podcast-Folge spricht Lea Spahn mit Silke Z. über ihre Tanz-Labore für die Generation Plus, über Spielfreude, lustvolle Zwischenräume und Erschöpfung als Methode.
In der zweiten Podcast-Folge spricht Lea Spahn mit Andrea Marton über ihr Anliegen, neue Bilder des Alters zu entwickeln, Normen zu hinterfragen und den alten Körper als gesellschaftlich relevanten Ausdruck zu begreifen.
In der dritten Folge mit Lisa Thomas geht es darum, wie wir uns von normschönen Körpern im Tanz verabschieden können, um dem Eigensinnigen mehr Raum zu geben.
In neun Punkten haben wir zentrale Erkenntnisse aus der Praxis von Tanzkünstlerinnen zusammengefasst, die seit vielen Jahren mit älteren Menschen arbeiten.
Hier sammeln wir Methoden aus der tanzkünstlerischen Praxis mit älteren Menschen. Die Nutzung und Weiterentwicklung in der eigenen Praxis ist ausdrücklich erwünscht. Kontaktieren Sie uns gern, wenn Sie eigene Methoden zu diese Sammlung beitragen möchten!
Weitere Einträge werden geladen.
Mit dieser Methode entstehen individuelle Ausdrucksmöglichkeiten für tänzerische Improvisation je nach Präferenzen und Bewegungsspielräumen der Teilnehmenden. Eine Methode von Andrea Marton – mit Video-Tutorial.
Ausgehend von einem Tanzworkshop in einer Kunst-Ausstellung wurde diese Methode für die Begegnung mit Werken der Bildenden Kunst entwickelt. Eine Methode von Andrea Marton.
Das Erleben von Einschränkung stellt eine künstlerische Herausforderung dar. Grundlegend sind regelmäßige Übungen zur Wahrnehmung und Beweglichkeit unserer Körperteile. Eine Methode von Lisa Thomas.
Der direkte Hautkontakt zu physisch wahrnehmbaren Strukturen und Texturen wie Boden, Wand, Objekte, Kleidung oder Partner*in aktiviert die Sinne. Eine Methode von Lisa Thomas – mit Video-Tutorial.
Jede*r schreibt ein eigenes Porträt in Form eines Alphabets als Fundament für die (Er-)Findung von Bewegungen. Eine Methode von Silke Z. – mit Video-Tutorial.
Die Gruppe bewegt sich als Ensemble im Gleichklang wie ein Fischschwarm durch den öffentlichen Raum. Eine Methode von Silke Z.
Wir erklären zentrale Begriffe und Konzepte rund um Tanzkunst und Alter(n).
Unter dem Titel „One Night Stand“ leistete das „Festival zu Alter(n), Sexualität und Sichtbarkeit“ 2024 einen lustvollen Beitrag zur Neuverhandlung von Sexualität und Begehren im Alter.
Mit den Künstlerinnen der interdisziplinären Performance „DanceYourSkin“ traf sich kubia-Mitarbeiterin Imke Nagel nach einer Aufführung in den Kölner ehrenfeldstudios zum Gespräch.
In dieser Ausgabe der Kulturräume+ bitten wir zum Tanz. Tanzen macht Spaß und hält fit. Aus wissenschaftlicher Sicht fördert Tanzen auf einmalige Weise bis ins hohe Alter die Neuroplastizität unseres Gehirns und nimmt so positiven Einfluss auf Alterungsprozesse. Die Bandbreite reicht von zeitgenössischer Choreografie über das Alter(n) und mit Älteren bis zum Sitztanz für Hochaltrige.
„Ageing Trouble“ steht für Unbehagen gegenüber Altersstereotypen und Ageismus, Aufbegehren und eigensinnige Bildungsprozesse im Alter. In einer Monografie, die im transcript-Verlag erschienen ist, entwirft Dr.in Miriam Haller eine performative Kulturgeragogik aus performativitätstheoretischer Sicht, die Ageing Studies mit kultureller Altersbildung verbindet.
Biographien können nicht nur als gesellschaftlich kontextualisierte, narrative Sinnkonstruktionen erscheinen, sondern als ein "Un/doing" in ihrer prozesshaften Zeitlichlichkeit und Materialität. Lea Spahn stellt diese leibkörperliche Dimension von sozialer Praxis ins Zentrum ihrer Untersuchung.
Die Methoden-Sammlung von Un-Label enthält praktische künstlerische Tools, um Kunst- und Kulturarbeit inklusiv zu gestalten. Zahlreiche Methoden sind für die tanzgeragogische Praxis geeignet.
In diesem Infoblatt erklären wir, was Ageismus gegenüber älteren Menschen ist und wozu er führt.
Die Publikation von Lea Spahn und Prof. Dr. Martin Stern macht Angebote zur (Selbst)-reflexion in Form von acht Fokuspunkten, die spezifische Bereiche von Tanzvermittlung auffächern.
Henk Borgdorff (2011): Wo stehen wir in der künstlerischen Forschung? In: Ritterman, Janet et al (Hrsg.): Kunst und Forschung. Können Künstler Forscher sein? Edition Angewandte. Springer: Wien, New York, S. 29-57.
Gabriele Brandstetter (2018): Der ewige Künstler? Von der Ausdehnung der Tanzzone, in: Das Theater-Magazin. https://www.der-theaterverlag.de/theatermagazin/dtm/theatermagazin-11-2018/tanzen-im-alter/ (letzter Zugriff am 09.07.2026)
Gabriele Brandstetter und Nanako Nakajima (Hrsg.) (2017): The Aging Body in Dance A cross-cultural perspective. London: Routledge.
Anke Haarmann (2019): Artistic Research. Eine epistemologische Ästhetik. Bielefeld: transcript.
Miriam Haller (2020/2010): Undoing Age: Die Performativität des alternden Körpers im autobiographischen Text. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE. https://www.kubi-online.de/artikel/undoing-age-performativitaet-des-alternden-koerpers-autobiographischen-text (letzter Zugriff am 16.06.2026).
Miriam Haller und Susanne Martin (2022): Ageing trouble tanzen! Theoretische und tänzerische Erkundungen zur Performativität des Alter(n)s. In: Angie Hiesl und Roland Kaiser (Hrsg.): War schön. Kann weg… Alter(n) in der Darstellenden Kunst. Berlin: Theater der Zeit, S. 29-45.
Miriam Haller (2026): Ageing Trouble! Theorie! Diskursgeschichte und Praxis der Performativen Kulturgeragogik. transcript.
Angie Hiesl und Roland Kaiser (Hrsg.) (2022): War schön. Kann weg…Alter(n) in der Darstellenden Kunst. Berlin: Theater der Zeit.
Rainer Keller und Michael Meuser (Hrsg.) (2017): Alter(n) und vergängliche Körper. Wiesbaden: Springer VS.
Susanne Martin (2017): Dancing Age(ing): Rethinking Age(ing) in and through Improvisation Practice and Performance. Bielefeld: transcript.
Hanne Seitz (2023): Performative Forschung. Denkanstöße zum forschenden Umgang mit ideologisch aufgeladenen Architekturen und öffentlichen Räumen. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE. https://www.kubi-online.de/artikel/performative-forschung-denkanstoesse-zum-forschenden-umgang-ideologisch-aufgeladenen (letzter Zugriff am 16.07.2024).
Hanne Seitz (2015/2012): Performative Research. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE. https://www.kubi-online.de/artikel/performative-research (letzter Zugriff am 19.06.2026).
Lea Spahn (2022): Biography Matters. Feministisch-phänomenologische Perspektiven auf Altern in Bewegung. Bielefeld: transcript.

Silke Z. entwickelte und tourte über 40 Tanzproduktionen im In- und Ausland, die mehrfach ausgezeichnet wurden. Sie gründete und leitet die ehrenfeldstudios, eine intergenerative, inklusive Produktions- und Veranstaltungsstätte für den zeitgenössischen Tanz in Köln. Hier initiiert Z. Vermittlungs- und partizipativen Angebote, die die Teilhabe an künstlerischen Prozessen in den Fokus nehmen. Sie erarbeitet mit einem altersgemischten Ensemble Bühnenproduktionen und Festivalformate und fokussiert sich in den letzten Jahren verstärkt auf die Entwicklung von künstlerischen tanzforschenden Laboren für Senior*innen: The Ageing Body.
www.resistdance.de

Miriam Haller (Dr.in) ist kulturwissenschaftliche Alterns- und Bildungswissenschaftlerin. Sie arbeitete lange Jahre in der Leitung des Gasthörer- und Seniorenstudiums sowie des Center for Aging Studies (CEfAS) der Universität zu Köln. Seit 2019 verantwortet sie den Bereich Forschung bei kubia.

Almuth Fricke, Literaturwissenschaftlerin (M.A.) und Diplom-Kulturmanagerin, gründete und leitet seit 2008 das Kompetenzzentrum für Kulturelle Bildung im Alter und inklusive Kultur (kubia). Sie entwickelte zahlreiche, zum Teil internationale Forschungsvorhaben und Modellprojekte zur Kulturellen Bildung und zur Teilhabe im Alter. Zudem ist sie Mitgründerin und Fachleiterin des Zertifikatskurses Kulturgeragogik und gehört zahlreichen kulturpolitischen Gremien an.

Lea Spahn (Dr.in) versteht sich als Forschende und Performerin mit feministischer Haltung – meistens in und durch Bewegung. Sie ist Lehrkraft für besondere Aufgaben (LfbA) für Körperbildung/Tanz sowie Modulverantwortliche im Weiterbildungsmaster „Kulturelle Bildung an Schulen“ an der Philipps Universität Marburg. Lea ist Co-Initiatorin des deutsch-tschechischen Agronauts*Collective, das performative Forschung in mehr-als-menschlichen Lebenswelten erprobt. Sie ist seit vielen Jahren Tanzvermittlerin mit einem Fokus auf somatische Erfahrungen, Improvisation und sinnliches Erleben und seit 2026 als Spahn+Glikson Ko-Kuratorin des partizipativen Tanzfestivals ROTATIONS in Marburg. Ihre Forschungsschwerpunkte sind: Zeitgenössischer Tanz und Alter(n), Körperlichkeit und Leiblichkeit, ästhetische und Kulturelle Bildung, das Leben in mehr-als-menschliche Kollektiven sowie politische Ökologien.

Andrea Marton ist als Tanzschaffende seit 1990 tätig. Sie choreografiert, koordiniert und leitet Projekte für Kinder, Jugendliche (im schulischen und außerschulischen Kontext) und Erwachsene (bis ins hohe Alter) für die Bühne und den öffentlichen Raum, vor allem im Raum München.
www.andrea-marton.de

Lisa Thomas, ist freie Künstlerin, Performerin, Choreografin und Dozentin im Bereich Tanzkunst und Alter. Der Fokus ihrer künstlerischen Arbeit liegt in intergenerationellen und interdisziplinären Projekten, live improvisierten Performances und einer feministischen Recherche zur Ästhetik des alternden Körpers im Tanz. Von 2005 bis 2026 war sie künstlerische Leiterin des Altentanztheaters Zartbitter und des Festivals VielFalten in Ludwigsburg.
www.lisa-thomas.de
www.zartbitterensemble.com
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