Die Verteidigung der Demokratie als kreativer Akt – Prävention rechter Radikalisierung im Alter
© Ingmar Björn Nolting/laif | Die „Omas gegen Rechts “ beim CSD in Bautzen am 10.08.2025.
Die Verteidigung der Demokratie ist eine notwendige Aufgabe, die auch der Fähigkeit zum kreativen Handeln bedarf. Dabei geht es um ein vielfältiges Mit- und Nebeneinander unterschiedlichster kleinerer und größerer Maßnahmen, die in ihrer Summe einen vitalen Schutz des demokratischen Kerns unserer Gesellschaft bieten. Tobias Müller gibt anhand der Ergebnisse der RAGE-BW-Studie einen Einblick in den Kenntnisstand über rechte Radikalisierung im Alter und stellt diesen in den Kontext der Kulturellen Bildung.
Die vom Land Baden-Württemberg finanzierte Studie „RAGE BW – Rechtsextremismus im Alter als Gefahr für Zusammenhalt und Engagement in Baden-Württemberg“ wurde von 2023 bis 2024 durchgeführt (vgl. Hebbelmann/Müller 2024; Müller/Hebbelmann 2024). Dazu wurden zwölf Expert*innen-Interviews zur (rechts-)extremen Radikalisierung älterer Menschen ausgewertet. Anlass der Untersuchung war die Beobachtung, dass im medialen Diskurs zunehmend über ältere Radikalisierte berichtet wird, gleichzeitig aber kaum Studienergebnisse zu finden sind, die diese Berichte empirisch untermauern. Mit der „RAGE BW“ konnte zum ersten Mal eine systematische Bestandsaufnahme zu (Rechts-)Extremismus im Alter vorgenommen werden.
Radikalisierungspotenziale im Alter
Studien wie der 3. Demokratiebericht der Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen verweisen darauf, dass, während sich die Demokratiezufriedenheit in den jüngeren Altersgruppen verschlechtert hat, nur die „ältere Altersgruppe ab 60 noch als Stützen der Demokratie erkennbar“ ist (LpB NRW 2026, S. 4). Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse der „RAGE BW“-Studie, dass Menschen in jeder Phase ihres Lebens anfällig für Agitator*innen sind, die versuchen, ein extremistisches Weltbild zu kultivieren. Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass das Radikalisierungspotenzial im Alter sinkt. Die darin liegenden Gefahren sollten nicht unterschätzt werden: (Rechts-)extremistisch radikalisierte Ältere gefährden den Zusammenhalt der Gesellschaft und ggf. auch die öffentliche Sicherheit. Ein typischer Weg, Ältere zu erreichen, sind die Sozialen Medien. Zielgruppe sind häufig Menschen in persönlichen Krisen. Vor dem Hintergrund multipler politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Krisen unserer Zeit droht das Vertrauen einiger Älterer in den Staat und die Gesellschaft als Ganzes erschüttert zu werden. Daher ist davon auszugehen, dass sich in Zukunft mehr ältere Menschen (rechts-)extremistisch radikalisieren werden. Das Phänomen des (Rechts-)Extremismus im Alter ist also hochrelevant.
Zielgruppengerechte Methoden
Gerade im Vergleich zu jungen Menschen erfährt die Radikalisierung im höheren Alter wenig Aufmerksamkeit. Bislang mangelt es an erprobten Methoden, um diesem Phänomen etwas entgegenzusetzen, und es gibt kaum Präventionsangebote für ältere Menschen. Eine Deradikalisierung erscheint zudem ausgesprochen aufwendig und wenig erfolgsversprechend. Daher ist die Entwicklung zielgruppengerechter Präventionsangebote dringend geboten. Doch gilt es zu beachten, dass sich Präventionsprogramme für Jüngere nicht ohne Weiteres auf Ältere übertragen lassen, denn die Radikalisierungsgründe und -verläufe Älterer unterscheiden sich von denen junger Menschen. Zudem ist es schwieriger, Ältere überhaupt für die Teilnahme an Präventionsprogrammen zu gewinnen. Während junge Menschen in Pflichtkontexte wie Schule eingebunden sind, bietet sich keine vergleichbare Gelegenheit, Ältere mit gezielten Maßnahmen zu erreichen.
Prävention von Rechtsextremismus im Alter
Anknüpfend an die Studienergebnisse von „RAGE BW“ werden gegenwärtig mit wissenschaftlichen Methoden Präventionsangebote gegen rechte Radikalisierung im Alter entwickelt. Dazu wird seit dem Frühjahr 2025 das im Rahmen des ESFPlus-Programms „Bildung und Engagement ein Leben lang“ von BMBFSFJ und EU geförderte Forschungsprojekt „RAGE Prävention“ durchgeführt. Das Projekt ist am Institut für Kirche und Gesellschaft der Evangelischen Kirche von Westfalen angesiedelt. Im Rahmen des Projekts werden deutschlandweit Workshops mit Expert*innen durchgeführt, in denen erstmals systematisch unterschiedliche Perspektiven aus den Erkenntnissphären „Alter“ und „Radikalisierung“ zusammengeführt und in ihrer thematischen Verflechtung zur Diskussion gestellt werden. Aus den daraus gewonnenen Erkenntnissen werden anschließend Präventionsmaßnahmen abgeleitet, die in einem nächsten Schritt erprobt und evaluiert werden. Aktuell ist die Phase der Workshops abgeschlossen, und die Ergebnisse werden inhaltlich ausgewertet. Bereits jetzt zeichnet sich eine Erkenntnis ab: Es wird nicht die eine allumfassende Lösung für alle geben, nicht die eine universale Präventionsmaßnahme. Es wird also eine Auswahl an Angeboten brauchen; die Kulturelle Bildung könnte hier einen wertvollen Beitrag leisten!
Kulturgeragogische Expertise
Zur Prävention rechter Radikalisierung braucht es vielfältige Lösungsansätze. Kulturschaffende und Kulturgeragog*innen können erprobte kreative Ansätze für zahlreiche Einsatzfelder einbringen und auf Basis ihrer Expertise eigene neue Ideen entwickeln. Ein Beispiel dafür könnten Maßnahmen für die Phase des Einstiegs in Radikalisierungsprozesse sein, ein Zeitpunkt, zu dem vielen Betroffenen mitunter gar nicht klar ist, auf welche gesellschaftlich extreme Gruppe sie sich einlassen. Eine kritische Auseinandersetzung mit subkulturellen Codes könnte eine Zugangsmöglichkeit zur älteren Zielgruppe sein. Ein weiteres Beispiel betrifft sicherlich den kritisch-reflexiven Umgang mit digitalen Medien als Teil kultureller Praxis. Die Kulturgeragogik ist eine junge Disziplin. Sie positioniert sich in der Schnittmenge von Kultureller Bildung und Alter(n). Mit den Mitteln der ästhetischen Selbsttätigkeit und kreativen Artikulation ermöglicht sie älteren Menschen Empowerment im künstlerischen Spektrum zwischen Selbstausdruck und gesellschaftlicher Teilhabe (vgl. Müller/Hartung-Griemberg 2025). Verbindungen zur Politischen Bildung finden gegenwärtig aber allenfalls punktuell statt. Wir möchten die Kulturgeragogik dazu ermutigen, sich der Politischen Bildung und der Radikalisierungsprävention stärker anzunehmen. Es braucht Kreativität, um themenspezifische Ansätze zu erarbeiten und um Sichtbarkeit für das bislang stark vernachlässigte Thema „Rechte Radikalisierung im Alter“ herzustellen.
Dr. Tobias Müller ist wissenschaftlicher Berater der Studie „RAGE Prävention“. Er war bis 2024 Professor für Soziale Gerontologie an der Kolping Hochschule Gesundheit und Soziales und ist nun im Sozialministerium Baden-Württemberg zuständig für die Themen der alters- und generationengerechten Quartiersentwicklung sowie der Seniorenpolitik.
Dennis Hebbelmann/Tobias A. Müller (2024): RAGE BW – Rechtsextremismus im Alter als Gefahr für Engagement und Zusammenhalt in Baden-Württemberg. Köln: Kolping Hochschule.
LpB (Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen) (Hrsg.) (2026): 3. Demokratiebericht Mitte(n) unter Druck. Bericht zur Lage der Demokratie und der politischen Bildung in Nordrhein-Westfalen 2025. Düsseldorf. Online unter: https://www.politische-bildung.nrw/fileadmin/imperia/md/content/projekte/Demokratiebericht/LpB_Demokr-Bericht_2026_final.pdf
Tobias A. Müller/Anja Hartung-Griemberg (2025): Zwischen Selbstausdruck und gesellschaftlicher Teilhabe: Medienbildung im höheren Lebensalter. In: Medien &Alter, 26(1), S. 2-5.
Tobias A. Müller/Dennis Hebbelmann (2024): Fact-Sheet-Bericht: Rechtsextremismus im Alter. Köln: Kolping Hochschule.