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Im Alter fällt der Kitsch nicht so auf – Im Gespräch mit Thomas Schütte

von Almuth Fricke und Miriam Haller

Im Frühjahr 2025 entdeckte der Künstler Thomas Schütte in seinem Archiv eine Fotoserie von Porträts wieder, die 1974 und 1975 während seines Zivildienstes in einem Altersheim am Niederrhein entstanden sind. Schütte, einer der bekanntesten deutschen Bildhauer und Zeichner, war damals Student im dritten Semester an der Düsseldorfer Kunstakademie. Für den Zivildienst musste der 20-Jährige sein Studium unterbrechen und landete in der Provinz in einer Einrichtung, in der viele ehemalige Fremd- oder Zwangsarbeiter*innen, Vertriebene und wenige Bauernwitwen lebten. Die kubia-Redaktion hat Thomas Schütte in seiner Skulpturenhalle in Neuss getroffen und ihn zu seinen Erinnerungen und zum Alter(n) befragt.

Die Fotos der Serie „Karneval im Altersheim“ sind ein Zufallsfund, wie Sie schreiben. Was hat Sie dazu bewegt, die Bilder nach 50 Jahren zu veröffentlichen?

Ich wusste immer, da ist was. Nur nicht wo. Wegen der Retrospektive im MoMA musste ich ziemlich viel im Archiv kramen. Durch Zufall fand ich die Fotos auf 13 Kleinbildfilmen in dem Studienordner – falsch einsortiert, aber beschriftet. Und ich dachte: Nach 50 Jahren kann man ja mal einen Abzug machen. Ein Labor in Köln konnte sie auf altem Barytpapier abziehen. Erst dachte ich: Ich treffe eine Auswahl von 40 aus den 79 Porträts. Jede Person habe ich nur einmal fotografiert – ich weiß heute keinen einzigen Namen mehr. Aber die Fotos waren alle gut. Ich habe mich gewundert, dass alles noch so in Ordnung ist.

Sie waren damals schon Kunststudent. Aber wie sind Sie auf die Idee gekommen, die Menschen im Altersheim zu porträtieren?

Ich habe damals Abzüge der Fotos in Postkartengröße gemacht und sie an die Bewohner verteilt, die bestimmt seit 20 Jahren nicht fotografiert worden waren. Deswegen gucken sie alle so freundlich und nicht grimmig oder belästigt. Ich habe immer 50 Pfennig dafür verlangt. Irgendetwas musste man ja machen. Heute würde ich mich hinsetzen und die Personen zeichnen – was sehr schwer ist. Das macht auch kein Mensch mehr, außer David Hockney. Nicht einer in der Kunstwelt macht Porträtzeichnungen. Das ist was für Montmartre – Kitsch.

Sie haben den Bildband „Karneval im Altersheim“ genannt. Ist das ironisch gemeint oder ging es dort auch lustig zu?

Die Laune war erstaunlich gut. Ich war nicht in der Pflegeabteilung, bei den Dauerkranken, sondern in der Normalabteilung. Heute werden die Leute noch mal mindestens zehn Jahre älter,
mithilfe der Medizin und der Pflege.

Das stimmt. Aber man sieht natürlich, dass es Menschen aus jener Zeit sind.

Ja, die starken Brillen, und alle waren noch im Krieg gewesen. Das Altersheim lag am Niederrhein, in der Nähe von Kaldenkirchen. Mit dem Fahrrad oder zu Fuß waren es fünf Minuten zur
holländischen Grenze. Im nächsten Ort war ein Luftwaffen-Stützpunkt. Da haben viele gearbeitet. Sie kamen im Krieg, konnten aber nicht in ihre Heimat zurück, weil zu Hause alles verwüstet war. Dann haben sie bei der British Army of the Rhine weitergearbeitet und waren deswegen auch im Alter allein. Es gab ziemlich viele verlorene Gestalten. Bei Weitem mehr Männer als Frauen, obwohl Frauen ja eigentlich länger leben. Es war eigentlich nicht trist. Jeder hatte sein Zimmer. Meins war auf dem Flur gegenüber. Ich durfte das Fernsehprogramm bestimmen. Es hatte nicht jeder einen eigenen Fernseher wie heutzutage. Wir hatten nur zwei Programme, und einer musste immer aufstehen und umschalten. Das war dann
ich. Da konnte ich dann immer entscheiden, was gesehen wurde.

Wie sind die Menschen Ihnen – einem langhaarigen, unangepassten Kunststudenten – begegnet?

Ich hatte sehr viel mit der täglichen Basteltherapie zu tun, die musste ich nämlich anleiten. Wir haben Kastanienmännchen gebastelt, weil wir einen riesigen Esskastanienwald hinter dem Haus hatten, und Sterne aus abgebrannten Streichhölzern. Gartenarbeit war auch sehr präsent. Das Haus war recht neu und der Anstaltsleiter, der auf dem Buchcover zu sehen ist, relativ jung. Bei mir im Keller saßen acht, neun Leute um den großen Tisch herum und haben von dort ihre Heimpolitik gemacht. Da waren eine dünne Frau, die hatte MS, und eine Dicke, das war so eine Matrone. Die haben alles bestimmt: Was es zu essen gab und wie es da zur Sache ging. Zu mir waren sie sehr freundlich.

Sie haben geschrieben, dass Sie viel gelernt haben in der Zeit des Zivildienstes. Was haben Sie gelernt?

Ich hatte ziemlich viel Zeit. Man musste irre früh aufstehen. Ich habe extrem viel gelesen. Und alte Leute haben auch was zu erzählen. Es ist nicht ohne. Über ihre Kriegserfahrungen haben sie nicht so richtig gesprochen. Jedenfalls nicht heroisierend. Aber das lag schon in der Luft, dass sie Erfahrungen gemacht haben, die ich nicht gemacht habe. Mein Vater hat über seinen Kriegsdienst und die lange Kriegsgefangenschaft auch nie etwas gesagt. Ganz am Schluss hat er das aufgeschrieben. Danach sieht man das ein bisschen anders. Ich habe verweigert, denn ich wollte einfach keine Kommandos mehr.

Sie haben eine Werkserie „Old Friends Revisited“ entwickelt. Was hat es mit diesen alten Männern auf sich?

Das sind kleine Puppen. Die Köpfe sind faustgroß und die Figuren immer so groß wie eine Weinflasche, also 40 Zentimeter. Es ist ziemlich simpel: Alte Männer sind sehr viel einfacher zu machen als junge Frauen. Da fällt der Kitsch nicht so auf. Diese Kniffe und Furchen, das ist einfach herzustellen. Man geht doch immer den einfachsten Weg. Ich glaube, es ist fast unmöglich, kleine Kinder zu modellieren, weil sie keine Falten haben. Sie sehen dann aus wie die Putten in der Kirche.

Ihnen werden gerade große Werkschauen gewidmet. Im MoMA in New York und in diesem Herbst im K21 in Düsseldorf.

Die Ausstellung im MoMA war sehr harte Arbeit. Zehn Jahre hat die Vorbereitung gedauert. Danach hatte ich noch eine sehr schöne Ausstellung in einem Privatmuseum in Venedig. Und jetzt im November ist das K21 dran. Aber da habe ich vor 20 Jahren schon ausgestellt. Auch groß damals, nicht nur im Keller. Werkschauen kriegt man eigentlich nur, wenn man seine Kunstwerke selbst zur Verfügung stellen kann. Dieses Ausleihen oder Hin-und-her-Fahren und Versichern können sich die meisten Häuser gar nicht mehr leisten. Ich habe deswegen so viele große Ausstellungen, weil in meinem Lager eine Menge Arbeiten stehen – das macht es einfach.

Verändert sich Ihre Kunst im Alter und merken Sie, dass Sie als Bildhauer physisch an Grenzen stoßen oder dass Sie anderes Material nutzen?

Ich werde immer fauler! Ich überlasse dem Kollegen Computer das Fräsen. Styropor kann nämlich sehr hart sein. Wenn es dicker ist als drei Zentimeter, dann stößt man schon an seine körperlichen Grenzen. Aber ich habe das Privileg, dass ich alles machen darf. Kleines, Großes, Aquarelle. Das läuft alles gut.

Sie sind durch die Bandbreite Ihres Werks nicht so festgelegt?

Ja, das habe ich von Gerhard Richter gelernt. Er ist gerade 94 geworden. Und von Fritz Schwegler. Er war wahrscheinlich noch einflussreicher. Bei ihm war ich die ersten drei Semester. Er sagte immer: „Musst du machen! Irgendwann kommt was dabei raus, du musst nur am Ball bleiben.“

Es gibt in Frankreich ein Altersheim für ältere Künstler*innen aus den verschiedenen Kunstsparten. Sie können dort weiter künstlerisch arbeiten und ausstellen. Fänden Sie so eine Einrichtung gut?

Man kann sich das selbst bauen. Einfach das Gebäude hinstellen und drei Krankenschwestern. Dann hat man keine staatliche Institution, die oft ja nicht sehr hilfreich ist. Sie tut nur so. Aber wenn man mit Kunst bezahlen könnte, wäre das prima!

„Karneval im Altersheim“ von Thomas Schütte

Von 1974 bis 1975 leistete Thomas Schütte seinen Zivildienst in einem Altersheim. Damals schon Student an der Düsseldorfer Kunstakademie, begann der Künstler dort eines seiner ersten künstlerischen Projekte. Mit einer Pentax-Spiegelreflexkamera mit Blitz hat Zivi Schütte im Laufe seiner Dienstzeit alle Bewohner*innen im Heim abgelichtet. Der Fotoband ist eine Zeitreise in die 1970er-Jahre, aufs Land, ins Heim. Auf seinen lange verschollen geglaubten Fotografien zeigt Thomas Schütte unverstellt, was kommen könnte, was immer schon war und was vergeht.

Thomas Schütte (2025): Karneval im Altersheim. Göttingen: Steidl, 96 S. ISBN: 978-3-96999-489-4

Zum Künstler Thomas Schütte: www.thomas-schuette-stiftung.de

Zur Ausstellung im K21 in Düsseldorf (Eröffnung am 14. November 2026): Kunstsammlung NRW: Thomas Schütte

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