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Im Druck der Bilder – Generationenbegegnungen als Praxis demokratischer Erfahrung

von Anja Hartung-Griemberg

Intergenerationelle Projekte setzen häufig auf Verständigung: Unterschiedliche Lebenswelten sollen ins Gespräch gebracht, Differenzen überbrückt werden. Ein Seminar, das das Projekt „Zeitung in der Schule“ (ZISCH) in den Hochschulkontext setzt, geht hingegen davon aus, dass Generationen sich häufig bereits zu gut zu kennen glauben. Anja Hartung-Griemberg, Professorin für Kultur und Medienbildung an der PH Ludwigsburg, nimmt das intergenerationelle Setting zum Anlass für eine praxeologische Fallanalyse. Sie beleuchtet die diskursive Hervorbringung von Generation sowie deren Irritation im Vollzug gemeinsamer Praxis.

Als Ende November 2025 eine Gruppe von 25 Student*innen im Master Kulturelle Bildung die Räumlichkeiten der Ludwigsburger Lokalzeitung betritt, scheint die Situation zunächst eindeutig: Hier eine Gruppe, deren Medienalltag durch digitale, beschleunigte und individualisierte Praktiken geprägt ist, dort ein Medium, dessen Kernleserschaft im Durchschnitt 76 Jahre alt ist. Die Differenz ist sichtbar, beinahe greifbar. Doch die Irritation, die den Ausgangspunkt des Seminars bildet, liegt nicht primär in den medialen Praktiken selbst, sondern in der Stabilität der Bilder, mit denen sich Generationen wechselseitig adressieren und die zugleich darüber entscheiden, wem in öffentlichen Diskursen politische Urteilsfähigkeit, Erfahrungsautorität oder Anschlussfähigkeit zugeschrieben wird. Noch bevor ein Austausch stattfindet, ist die Differenz damit bereits vorstrukturiert – als Geflecht wechselseitiger Zuschreibungen. Student*innen begegnen einer älteren Leserschaft, die sie als wenig medienaffin imaginieren; ältere Teilnehmende adressieren die Student*innen umgekehrt als durchgängig digital geprägt.

Praxeologischer Zugang

Das Seminar adaptiert das Programm „Zeitung in der Schule“ (ZISCH) in einen hochschulischen Kontext und verschiebt dessen Fokus hin zur Medienkritik. In kleinen Redaktionsteams entwickeln die Student*innen eigene Themenseiten, häufig zu medialer Selbstverortung: von Beziehungsformen im Kontext Sozialer Medien bis hin zu Ambivalenzen zwischen Teilhabe und Überforderung durch mediale Dynamiken. Entscheidender als die Themen selbst ist die doppelte Reflexionsbewegung: Die Student*innen adressieren nicht nur ihre eigene Praxis, sondern antizipieren die Perspektive der älteren Leserschaft. Hier manifestieren sich Erwartungserwartungen im systemtheoretischen Sinne – Annahmen darüber, wie man selbst von anderen gesehen wird.

Die Figur der „medienaffinen Gen Z“ erscheint dabei weniger als Selbstbeschreibung denn als zugeschriebene Rolle, zu der sich die Student*innen positionieren: zustimmend, ironisch gebrochen oder widersprechend. Die antizipierten Fremdbilder entstehen dabei nicht im luftleeren Raum, sondern sind als sedimentierte Bestandteile gesellschaftlicher Narrative zu verstehen, in denen Generationen als scheinbar klar voneinander abgrenzbare Kollektive mit jeweils spezifischen Eigenschaften, Haltungen und Praxisformen konstruiert werden. Generationenlabels und Kohortenbegriffe wie „Gen Z“, „Millennials“ oder „Baby Boomer“ fungieren in diesem Zusammenhang als hochgradig verdichtete Klassifikationsmarker.

Dynamik des Gesprächs

Die zweite Projektphase führt in ein Stadtteilzentrum, in dem die Student*innen ihre Themen mit älteren Leser*innen diskutieren. In dieser Verdichtung situativer Ko-Präsenz entsteht eine spezifische Qualität gemeinsamer Aushandlung, die sich als mikrologische Form demokratischer Praxis beschreiben lässt: nicht im Modus schneller Positionierung, sondern als offener, zeitlich gedehnter Verständigungsprozess, in dem Perspektiven nicht gegeneinandergesetzt, sondern aufeinander bezogen werden.

Mit der temporären Suspension funktionaler Erwartungen lockern sich zugleich jene Erwartungserwartungen, die die Beteiligten zuvor in generational codierte Rollen eingeschrieben haben. Zugleich zeigt sich jedoch, dass diese Offenheit nicht ausschließlich entlastend wirkt. Insbesondere aufseiten der älteren Teilnehmer*innen artikuliert sich ein Bedürfnis nach Selbstvergewisserung: das Anliegen, etwas „beitragen“ zu können, Erfahrungen weiterzugeben und den Austausch auf ein sinnhaftes Ergebnis hin zu orientieren.

Darin spiegeln sich nicht nur verinnerlichte generational codierte Rollen, sondern auch persistente Bildungsvorstellungen, in denen Kommunikation an Zweck, Ertrag und vermittelbare Einsichten gebunden bleibt. Die Interaktion bewegt sich somit in einem Spannungsfeld zwischen Öffnung und Re-Stabilisierung. Während die Selbstläufigkeit der Gespräche Zuschreibungen irritiert und neue Anschlussmöglichkeiten eröffnet, erzeugt sie zugleich den Bedarf nach Rahmung und Sinnzuschreibung.

Die Überführung der Gespräche in sechs gestaltete Zeitungsseiten verstärkt diese Dynamik nochmals: Die zuvor analysierten Selektions- und Darstellungslogiken werden nun aktiv angewendet; die Student*innen agieren selbst als Produzent*innen medialer Ordnung. In dieser Rückkopplung wird sichtbar, wie sehr auch die Frage nach „Ergebnissen „ Teil jener Erwartungsstrukturen ist, die das Projekt zugleich zu irritieren sucht.

Gegenstände politischer Medienbildung

Bemerkenswert ist dabei, dass sich jenseits dieser Dynamik stabile normative Bezugspunkte zeigen: Verbindlichkeit, Tiefe, Authentizität und Glaubwürdigkeit fungieren als altersunspezifische Orientierungsgrößen gelingender Verständigung. Diese lassen sich als transgenerationale Grundlagen kommunikativer Praxis verstehen, die sich nicht unabhängig von sozialen Erwartungen vollziehen, sondern gerade im Wechselspiel von Offenheit und Struktur situativ hervorgebracht werden. Vor diesem Hintergrund lässt sich der analytische Ertrag des Projekts präzisieren: Generation erscheint nicht als stabile Kategorie, sondern als Effekt fortlaufender Zuschreibungen, die in medialen und pädagogischen Kontexten wirksam werden. Intergenerationelle Praxis kann entsprechend nicht darin bestehen, Differenzen zu überbrücken, sondern muss Räume gestalten, in denen Erwartungserwartungen sichtbar, verhandelbar und produktiv irritiert werden.

Demokratische Erfahrungsräume

Demokratische Erfahrungsräume entstehen dabei weder durch bloße Offenheit noch durch strikte Strukturierung, sondern durch eine reflektierte Rahmung, die Irritation ermöglicht, ohne sie vorschnell zu schließen. Rahmungen setzen ihrerseits Erwartungserwartungen – etwa hinsichtlich Beteiligung, Ergebnisorientierung oder Rollenverständnissen – und werden so selbst zum Gegenstand kritischer Reflexion.

Das im Seminar erprobte Setting der Verschiebung hin zu einer reflexiven Medienkritik eröffnet eine weitergehende Perspektive: Politische Medienbildung erscheint weniger als alters- oder zielgruppenspezifisches Förderprogramm denn als dauerhafte gesellschaftliche Reflexionsaufgabe. Ihre besondere Qualität entfaltet sie dort, wo sie nicht entlang stabiler Generationsgrenzen organisiert wird, sondern diese selbst zum Gegenstand macht – im intergenerationellen Austausch als einem Raum, in dem mediale Selbstverständlichkeiten irritiert, Erwartungsstrukturen sichtbar und neue Formen gemeinsamer Urteilsbildung möglich werden.

Prof.in Dr.in Anja Hartung-Griemberg ist Leiterin des Studiengangs Kultur- und Medienbildung an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Sie ist langjährige erste Vorsitzende von Gesellschaft, Altern, Medien e. V. sowie Mitgründerin und Herausgeberin der Zeitschrift „Medien & Altern“ (kopaed). Seit 2022 ist sie wissenschaftliches Mitglied im Fachbeirat „Digitalisierung und Bildung für ältere Menschen“ (BMBFSFJ). Ihre Forschungs- und Lehrschwerpunkte liegen u. a. in der intergenerationellen Bildung sowie der ästhetischen, kulturellen und medienbezogenen Bildung im Kontext des Alterns.

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