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Mode mit gesellschaftspolitischer Agenda – Die Wiener Pensionist*innenklubs bei der Vienna Fashion Week

von Miriam Haller

kubia-Mitarbeiterin Dr.in Miriam Haller wirft einen Blick über den deutschen Tellerrand und entdeckt in Österreich avantgardistische Upcycling-Mode von Senior*innen bei der Vienna Fashion Week. Hier haben im Herbst vergangenen Jahres die Wiener Pensionist*innenklubs Furore gemacht und eine eigene Kollektion präsentiert. Bei dem Projekt erschaffen kreative Senior*innen aus textilen Nachlässen neue Designs und bringen damit gesellschaftspolitische Themen wie Nachhaltigkeit und Altersdiskriminierung auf den Laufsteg.

Allzu oft werden im medialen und gesellschaftspolitischen Diskurs zum Thema Klimawandel und Nachhaltigkeit die Generationen gegeneinander ausgespielt. Älteren Menschen wird pauschal eine gleichgültigere Haltung zum Klimaschutz und ein geringeres ökologisches Bewusstsein zugeschrieben. Die Rhetorik des Generationenkonflikts wird zusätzlich angeheizt, wenn der demografische Wandel in Metaphern von Naturkatastrophen wie dem „silbernen Tsunami“ beschrieben wird.

Die Mitglieder vom Atelier+, das im Rahmen der von der Stadt Wien getragenen Wiener Pensionist*innenklubs gegründet wurde, wenden sich gegen solche ageistischen Stereotypisierungen. Sie sind inzwischen bereits zum zweiten Mal bei der Vienna Fashion Week aufgetreten und haben dort ein Zeichen gegen Altersdiskriminierung sowie für gesellschaftliche Inklusion und mehr Nachhaltigkeitsbewusstsein in der Mode gesetzt. Auf dem Laufsteg haben die „Fashionistas“ ihre nachhaltig gefertigten Kreationen präsentiert. Madlena Komitova, die Bereichsleiterin der Pensionist*innenklubs, sagt dazu im Projektvideo: „Dabei geht es uns nicht nur um eine Botschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit, sondern auch um gesellschaftspolitische Anliegen wie, dass ältere Menschen kreativ, schön und sinnlich sein können.“ Die Aspekte der partizipativen Teilhabe und Teilgabe sind zentral für dieses Projekt. Das Atelier+ bietet den Klubmitgliedern einen Rahmen, in dem sie stets gemeinsam in demokratischen Prozessen bestimmen, wo es langgeht.

Textile Nachlässe

Die eigentliche Idee für das Projekt „Fashion Reloaded powered by Pensionist*innenklubs Wien“ entstand, als die Mutter von Madlena Komitova verstarb und sie deren Kleiderschrank ausräumen musste. Sollte sie all die schönen Kleidungsstücke in die Altkleidertonne werfen? Als zur gleichen Zeit österreichische Designer*innen den Wiener Pensionist*innenklubs Kleidung zur Verfügung stellten, wuchs die Idee, aus beidem etwas Neues zu machen.

Vor ihrer Pensionierung hatte Klubmitglied Neli Waroschanov eine eigene Firma für Kinderbekleidung. Da lag es nahe, an dem Modeprojekt mitzuwirken. Sie träumt von einer Welt, in der die individuelle Kreativität so befreit und entwickelt sein wird, dass alle ihr eigenes Design und ihren eigenen Style tragen.

In den textilen Nachlässen von geliebten Menschen zeugen Kleider, Jacken, Mäntel und Hosenanzüge von ihrem gelebten Leben, ihrer Biografie. Gar nicht selten finden sich textile Schätze aus feinem Zwirn in den Hinterlassenschaften, die viel zu schade für die Altkleidersammlung sind: ein feiner Kaschmirpullover oder ein Ballkleid aus transparentem Chiffon, eine edle Seidenbluse, die für besondere Anlässe geschont wurde.

Video: Vienna Fashion Week | Backstage mit den Pensionist*innenklubs

Upcycling

Beim Upcycling von Kleidungsstücken aus vergangenen Zeiten in zeitgemäße Designs geht es der künstlerischen Projektleiterin Irena Reichel und den 20 modebegeisterten Klubmitgliedern vom Atelier+ um ein Statement: Sie wollen weg von der Fast Fashion, dem Immer-mehr-und-mehr-Kaufen, hin zu Langlebigkeit, Ressourcenschonung und kreativer Originalität im Kleiderschrank. Die alten Kleider werden in einem aufwendigen Prozess Stück für Stück umgeändert und auf diese Weise aufgewertet. Jedes Kleidungsstück wird individualisiert und an Charakter und ästhetische Vorlieben der künftigen Trägerinnen angepasst. Schließlich treten die Designerinnen selbst als Models auf. Unter dem Titel „Fashion Reloaded presents Earth and Stars“ zeigen die Fashionmodels 60plus ihre Kreationen. Mit der Upcycling-Kollektion sollen Himmel und Erde und zugleich der natürliche Kreislauf von Leben und Tod in den Fokus gerückt werden.

Geballte Berufserfahrung

Das Erfolgsrezept der Senior*innen im Alter zwischen 60 und 85 Jahren, die ihre handgemachte Upcycling-Kollektion selbst auf dem Laufsteg präsentieren, stößt auf ein großes Presseecho, nicht nur im eigenen Land. Inzwischen gibt es sogar einen TED-Talk zum Projekt. Damit wird auch die Idee der 135 wienweiten Pensionist*innenklubs verbreitet. Die Klubs sind längst nicht mehr das, was sie früher waren. Eine bunte Palette von Aktivitäten zeichnet sie inzwischen aus. Sie sind von viel freiwilligem Engagement getragen, das die im Laufe des Berufslebens gesammelten Erfahrungen der Mitglieder systematisch einbezieht. Ziel der Wiener Pensionist*innenklubs ist es, Raum für vielfältige kreative Entfaltungsmöglichkeiten für Senior*innen zu eröffnen. Die über 5.000 jährlichen Angebote und Veranstaltungen beginnen bei Gymnastik und gehen über das Musizieren und Chorsingen bis hin zu Tanz, Literatur, Theater und Kunsthandwerk. Die Mitgliedschaft in den Wiener Pensionist*innenklubs ist kostenlos.

Projekt zum Thema:

Ein rosa Stoffstück liegt auf einem Tisch. Darauf sind bunte Blumen und Vögel appliziert. Eine Hand hält eine Schere, daneben liegen Perlen andere Materialien.
  • Bildende Kunst
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  • Generationen
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  • 2025

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