Nicht als Wasser in einem Meer verschwinden – Transkulturelle Begegnungen in der Düsseldorfer Initiative „Wortklang“
© Kaets, DOSB | Bei „Wortklang“ musizieren Menschen unterschiedlicher Herkunft gemeinsam.
Im offenen Seniorentreff vom Zentrum Plus in Düsseldorf-Holthausen treffen sich zweimal wöchentlich Düsseldorfer*innen mit und ohne Einwanderungsgeschichte. Sie haben Lust zu singen und sich über die Kulturen ihrer Herkunftsländer auszutauschen. „Wortklang“ nennt sich das Projekt, das nicht nur die deutsche Sprache mit Musik und Rhythmus vermittelt, sondern auch das inter- und transkulturelle soziale Miteinander im Stadtteil stärkt. An einem Freitagnachmittag lernt die kubia-Mitarbeiterin Imke Nagel „Wortklang“ kennen.
Die Projektdarstellung im Internet bringt die Zielsetzung auf den Punkt: Das Projekt „Wortklang“ versteht sich keineswegs nur als niedrigschwelliges Lernangebot für Deutsch als Fremdsprache, sondern zeigt Haltung. „Angesichts der aktuellen Migrationsdebatte, in der Integration als Belastung des gesellschaftlichen Zusammenlebens dargestellt und zunehmend von der Bevölkerung auch so empfunden wird, sind das Zusammenkommen und der Zusammenhalt heterogener Gruppen umso wichtiger, denn gesellschaftliche Spaltung schwächt das soziale Miteinander und die Demokratie.“ Im Vordergrund steht die Förderung von Begegnung, Kennenlernen und Austausch – nicht das Schüren von Vorurteilen und gesellschaftlicher Spaltung. Darin sieht das Projekt „Wortklang“ seine gesellschaftspolitische Bedeutung.
Beflügelt von Musik
Seit 2020 gibt es die Initiative im Süden Düsseldorfs unter ehrenamtlicher Leitung von Uschi Lauterjung. Die Kommunikationsdesignerin und ehemalige Co-Leiterin vom Zentrum Plus will Menschen mit und ohne Einwanderungsgeschichte aus dem Stadtteil zusammenbringen. Das literarische Musikprojekt ermöglicht Menschen, die erst im späteren Erwachsenenalter nach Deutschland gekommen sind, neue Kontakte zu knüpfen und niedrigschwellig einen Zugang zur deutschen Sprache zu finden. Für viele der Teilnehmenden sind die Barrieren, einen Sprachkurs zu besuchen, eher hoch. Beflügelt von Musik lässt es sich leichter kommunizieren. Die Idee: Musiker*innen mit Einwanderungsgeschichte spielen Melodien und Rhythmen aus unterschiedlichen Kulturkreisen – vom afghanischen über den kurdischen bis hin zum britischen Hit. Die Gruppe entwickelt dazu dann gemeinsam deutsche Liedvarianten.
Lebenslinien statt Rollenklischees
Eines der ersten Lieder der Gruppe – „Was hast du gesagt?“ – thematisiert zu einer Melodie aus Afghanistan den Alltag im „neuen Land“: Wie viel kostet etwas? Wo bekomme ich Rat? Auf wen ist Verlass?
Die 62-jährige Nandhu Suthan ist auf das Zentrum Plus aufmerksam geworden, als sie nach einer Veranstaltung zum Weltfrauentag recherchierte. Sie singt gern und schätzt die Geselligkeit und den Zusammenhalt in der Gruppe. Zuweilen bringt sie Elemente des Tempeltanzes Bharatanatyam in die Aufführungen von „Wortklang“ ein. Auch dass sie nach 30 Jahren in Deutschland ganz nebenbei immer noch neue Wörter lernt, gefällt der aus Sri Lanka stammenden Tamilin.
Gül Paape hat schon als junges Mädchen bei jeder Gelegenheit gesungen. Mit 39 Jahren aus Istanbul über Lüdenscheid und Hagen in Düsseldorf angekommen, lebte sie zurückgezogen und suchte Sozialkontakte sowie die Möglichkeit, ihre Deutschkenntnisse zu verbessern. Zu „Wortklang“ zog es sie insbesondere, weil dort, damals wie heute, zum Gesang auch das türkische Saiteninstrument Bağlama zum Einsatz kommt. Inzwischen ist Paape fester Teil der „Wortklang“-Gruppe; sie ist für sie wie eine Familie.
Nataliia Krestova, die im August 2023 nach Düsseldorf kam, findet bemerkenswert, dass es in Deutschland möglich ist, durch soziale und kulturelle Angebote mit Menschen aus der Stadtgesellschaft ins Gespräch zu kommen. Die Ukrainerin, die aufgrund des Kriegs ihr Designstudium abbrechen musste, leitet inzwischen monatlich im von Lauterjung konzipierten „Café Klecks“ bildnerisch-künstlerisches Gestalten an. Auch dort geht es wie bei „Wortklang“ um die Lebenslinien diverser Besucher*innen statt um Rollenbilder und -klischees.
Keine Einbahnstraße
Auch ältere Düsseldorfer*innen ohne Einwanderungsgeschichte sind Teil der Musikinitiative „Wortklang“. Die 78-jährige Hannah Cohnen etwa ist begeistert von der Atmosphäre: „Ich habe hier mein Glück und meine Gemeinschaft gefunden.“ Rainer Winkels ist seit einigen Jahren Rentner und betont ebenso die soziale Funktion der Gruppe: „›Wortklang‹ hilft mir über manches hinweg.“ Beiden hat es die Literatur angetan, insbesondere die deutschen Klassiker von Goethe oder Schiller. „Hannah und ich rezitieren Gedichte und unterstützen die Aktivitäten, weil es uns einfach Spaß macht.“
Gaiane Budzhelida engagiert sich selbst ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe. Ihr ist es ein Anliegen, den Menschen, denen sie in Deutschland begegnet, die Kultur und Bräuche ihres Heimatlands Ukraine verständlich zu machen. Das Projekt „Wortklang“ will keine Einbahnstraße sein. Eine Voraussetzung für Integration sieht Budzhelida im allseitigen Interesse an den unterschiedlichen Kulturen sowie darin, dass sie neben der Offenheit und Anpassung an deutsche Gepflogenheiten auch beibehalten kann, was sie kulturell geprägt hat: „Es ist sehr wichtig, nicht als Wasser in einem Meer zu verschwinden. Wir haben auch eine eigene Kultur.“
Grenzenlos singen
„Jede Person ist hier willkommen mit ihren Ideen, Talenten, Geschichten und allem, was sie mitbringt“, erklärt Lauterjung. Dass Raum für die kulturellen Prägungen, Perspektiven, Interessen und Gedanken aller Anwesenden ist, scheint ein Schlüssel für den Erfolg des Projekts zu sein. In der Gruppe sind gegenseitiges Interesse und Zusammenhalt spürbar. Das sei ob der aktuellen politischen Entwicklung, so Lauterjung, mehr denn je vonnöten.
Liliia Khibatulina, seit drei Jahren in Düsseldorf, erklärt: „Ich liebe Singen, und verschiedene Lieder sind interessant – türkisch, deutsch, iranisch, afghanisch, ukrainisch. Wir zeigen unsere Kultur auch.“ Sie tun das zum Beispiel mit der Polka „Ty sch mene pidmanula“, die „Wortklang“ für sich entdeckt und frei übersetzt hat. Die erste Strophe samt Refrain singen die Ukrainer*innen der Gruppe im Original, bevor unterschiedliche Sänger*innen solo sowie im Chor die neu getextete Version „Ich hab’ dich angelogen“ anstimmen.
Programm Demokratie
Die Mitglieder des „Wortklang“-Ensembles kommen nicht nur aus unterschiedlichen Herkunftsländern, sondern bringen jeweils unterschiedliche Biografien, Perspektiven und Erfahrungen ein. Manchmal werden auch internationale oder nationale Konflikte Thema in den Gesprächen. Es gilt dann für die Gruppe, verschiedene Blickwinkel auszuhalten und sich gegenseitig mit Respekt zu begegnen. „Die Welt wird nicht besser, wenn ich dir die Freiheit nehm’, um mit Hochmut und Hass über anderen zu steh’n“, singt die Gruppe zur Filmmelodie von „Die Tribute von Panem“. „Alle dürfen ihre Meinung sagen“, so meint Lauterjung. Nur für die Nichtbeachtung von demokratischen Grundwerten, wie etwa die Gleichberechtigung von Frau und Mann, sei kein Platz. In einem anderen Lied besingt die Gruppe Gleichheit und Würde aller Menschen. „Und genau daran müssen wir festhalten und es nach außen tragen“, erklärt Lauterjung.
Kein Wunderland
Aktuell bereiten die Sänger*innen ihren zweiten Auftritt mit dem Programm „Einsamkeit – eine Herausforderung für die Demokratie?“ vor. Zur Melodie von „Living Next Door to Alice“ von Smokie warnen sie vor einem Kaninchen. Es steht für all jene, die sich frauenverachtend und diskriminierend gegenüber Menschen mit Einwanderungsgeschichte verhalten. Im Song lockt das Kaninchen in ein vermeintliches Wunderland: „Das Leben ist kein Märchen, kein Spiel im Wunderland; folgst du einem Kaninchen, dann riskierst du den Verstand.“