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Tanz geht raus, Kunst kommt rein: Tanz und Bildende Kunst

von Andrea Marton

Steckbrief

Idee

Diese Methode wurde ausgehend von einem Tanzworkshop in einer Kunst-Ausstellung für die Begegnung mit Werken der Bildenden Kunst entwickelt. Der Fokus liegt inhaltlich auf der leibkörperlichen Erfahrung von Verfremdung durch Körperextensionen und (mechanische) Hilfsmittel sowie auf Wahrnehmungsverschiebungen hinsichtlich des eigenen Körper- und Bewegungserlebens in Bezug auf die Kunstwerke, die anderen Teilnehmenden und den Raum.

Ziel

Die Methode möchte jenseits des kognitiven Zugangs zu den jeweiligen Kunstwerken eine bewegte Praxis anbieten. Die Entstehungswege und Motive der Kunstwerke werden physisch erfahrbar und in einem öffentlichen Experimentierraum erforscht. Durch Bewegungs-Scores und individuell von den Teilnehmenden gewählte, bewusste Entscheidungen, um sich mit dem Kunstwerk in Relation zu setzen, werden die Tanzenden selbst zum künstlerischen Element. Auf diese Weise kann das ästhetische Potenzial des Zufalls im Rahmen einer Gruppenimprovisation erfahren werden.

Bezug zum Thema Alter(n)

Das Angebot ist altersunabhängig. Die praktische Erforschung richtet sich jedoch nicht an einen sportlichen, jungen und beweglichen Körper. Es eignen sich Ausstellungen oder Kunstwerke , die den menschlichen Körper in seiner Verletzlichkeit, Nonkonformität Individualität oder  im Alterungsprozess zeigen.

Hintergrund

Die Methode ist in einem Tanzworkshop zu einer Ausstellung von Rebecca Horn 2024 im Haus der Kunst in München in Zusammenarbeit von Andrea Marton und Stephanie Felber entwickelt worden. Rebecca Horn war selbst aufgrund einer schweren Erkrankung sehr früh stark bewegungseingeschränkt und hat sich in ihren Werken u. a. mit Bewegungserweiterung und Extension von Körperteilen beschäftigt.

Voraussetzungen, Format und Raum

Für die Methode kommen neben Werken von Rebecca Horn auch Werke von u. a. Annegret Soltau, Maria Lassnig, Otto Dix, Käthe Kollwitz, Pablo Picasso oder Francis Bacon in Frage – oder Werke einer aktuellen, lokalen Ausstellung, mit der die Gruppe in Resonanz treten kann.

Es wird ein Museumsraum benötigt, in dem Bewegung möglich ist, ohne dass die Kunstwerke gefährdet werden. Dazu muss im Vorfeld eine Absprache dazu mit der Museumsleitung erfolgen. Sollte die Nutzung des Museumsraums nicht möglich sein, kann auch ein Tanzstudio oder ein Bewegungsraum in einer Senior*innen-Einrichtung genutzt werden.

Die Methode eignet sich für eine altersspezifische oder generationsgemischte Gruppe (10 bis 20 Personen) mit unterschiedlichen körperlichen Möglichkeiten. Die Gruppe muss sich nicht kennen. Das Zusammentreffen kann situativ und einmalig sein.

Der Workshop ist so aufgebaut, dass er von Menschen mit unterschiedlichen Voraussetzungen inklusiv umgesetzt werden kann. Tanzvermittelnde müssen sensibel für die Notwendigkeiten und Bedarfe der Teilnehmenden sein. Die Bedarfe können bei der Anmeldung erfragt werden (z. B. Sitzgelegenheiten, Gebärdendolmetschung, Tandem-Arbeit für Menschen mit (Seh-)Beeinträchtigung). Eine Vorerfahrung mit inklusiven Gruppen ist empfehlenswert.

Zeit

2 bis 3 Stunden oder als fortlaufendes Projekt über einen zusammenhängenden Zeitraum von zwei Tagen.

Material

Handspiegel aus Pappe rund (Durchmesser 5 cm) und eckig (ca. 10x 15 cm), bestellbar

Falls nicht im Museum mit den Originalen gearbeitet werden kann: Fotoprints, digitale Projektionen/Beamer oder Kataloge

Musik

Im Museumsraum vorhandene Geräusche lassen sich als Sound-Teppich bewusst integrieren. Im Studio kann man musikalische Variationen unterschiedlichster Stilrichtungen nutzen. Allerdings beeinflusst rhythmische Musik die Bewegungswahl der Tänzer*innen stark. Für die Körper-Erforschung jenseits von Rhythmus empfiehlt sich, mit einem minimalen Music- oder Sound-Teppich zu arbeiten.


Ablauf

  • Vorstellung und Ankommen: Zu Beginn stellen sich alle Teilnehmenden in einem Kreis vor. „Gibt es etwas, was wir wissen müssen für das gemeinsame Projekt, z. B. körperliche Einschränkungen, Wünsche für den Umgang mit Nähe und Distanz, Selbstfürsorge? Nimm dir Zeit, um in der Situation und dem eigenen Körper anzukommen: Bewege einzelne Körperteile, dann den ganzen Körpers am Platz.“
  • Crossing Circle: Die Gruppe kreuzt gemeinsam den Kreis: Alle finden miteinander den Moment des sich auflösenden und des sich neu formierenden Kreises bei sich stets  verändernden Nachbarpersonen.
  • Eine Person steht in der Mitte des Kreises und bietet eine Figur an. Die Gruppe zitiert oder interpretiert die Figur. Eine Person gibt eine kleine Bewegungsphrase in die Mitte des Kreises. Die Gruppe interpretiert oder zitiert diese Bewegungsphrase.
  • Begegnung mit der Kunst: „Betrachte das Kunstwerk und bewege dich inspiriert von der künstlerischen Umgebung im (Ausstellungs-)Raum. Finde immer wieder Momente des Miteinander-Innehaltens und der gemeinsamen Reflexion: Wo stehe ich? Wie beziehe ich mich auf die ausgestellten Werke? Zitiere oder interpretiere ich Werkausschnitte? Wie beziehe ich mich auf die Mittanzenden? Spüre nach: Welche Resonanz spüre ich in meinem Körper?“
  • Aufteilen in zwei Gruppen: Eine Gruppe setzt diese Exploration fort, positioniert sich, zitiert oder interpretiert Elemente der Werke, während die andere Gruppe beobachtet. Die Beobachter*innen spielen mit Variationen der Betrachtung:
    • mit Nähe und Distanz: Was sehe ich, wenn ich ganz nah Teile eines Körpers fokussiere und was, wenn ich von weiter Ferne auf den ganzen Prozess blicke?
    • mit Ebenen und Bildausschnitten: Ich gestalte mit meinen Händen eine kleine Linse; ich gehe in die Hocke und schaue nach oben; ich hänge kopfüber und schaue mit gekippter Perspektive durch meine Beine auf das Geschehen.
    • mit Filtern: Ich schaue durch den Stoff meines Pullis; durch meine sich vor den Augen schnell bewegenden Hände=Störung, durch einen Handspiegel
  • Von Beobachtung zu Gestaltung: Auch die Beobachter*innen bewegen sich zwischen den Werken und den Positionen der Tänzer*innen und wählen selbst ihre Betrachtungsweise und Perspektive. So werden auch sie zu Gestaltenden. Was aus den beiden Gruppen und den Werken entsteht, ist eine Erweiterung der Ausstellung.

Mögliche Weiterführung

  • Perspektiven und Sichtweisen: Jede Person erhält einen kleinen Handspiegel (rund oder eckig) und betrachtet über den Handspiegel die vorhandenen Werke. Jede*r exploriert für sich die Möglichkeiten der Perspektiven und neuen Sichtweisen.
  • Einteilung in eine sich bewegende Gruppe und eine betrachtende Gruppe: Die Betrachtung findet über den Spiegel statt. Er eröffnet eine neue Fokussierung und Perspektiven auf das „Ganze“ oder Ausschnitte. Die Rolle der Betrachtenden, zwischen die sich die sich bewegenden Teilnehmer*innen positionieren, wird in ihrer Relation zu den Werken über das Medium des Spiegels neu und anders erfahrbar. Es öffnet sich ein künstlerischer Prozess, in den alle einbezogen sind.

Weitere Methoden

Andrea Marton mit vier Frauen im Tanzlabor Ü60
  • Methode

Solo für ein Körperteil: Auswahlmöglichkeit für Improvisation

Mit dieser Methode entstehen individuelle Ausdrucksmöglichkeiten für tänzerische Improvisation je nach Präferenzen und Bewegungsspielräumen der Teilnehmenden. Eine Methode von Andrea Marton – mit Video-Tutorial.

Mehrere ältere Männer und Frauen stehen barfuß auf einer Bühne und bewegen sich in unterschiedliche Richtungen. Ein Mann in der Mitte hebt beide Arme und hält ein Bündel Kabel. Andere halten Gestelle mit hängenden Objekten oder tragen große weiße Blöcke. Alle tragen Alltagskleidung.
  • Methode

Sich mit Einschränkungen bewegen: Wesentlichkeit und freiwillige Beschränkung als essenzielle Methode

Das Erleben von Einschränkung stellt eine künstlerische Herausforderung dar. Grundlegend sind regelmäßige Übungen zur Wahrnehmung und Beweglichkeit unserer Körperteile. Eine Methode von Lisa Thomas.

Mehrere ältere Frauen auf einer Bühne: Eine sitzt auf einem weißen Würfel, während eine andere hinter ihr ein braunes Stoffteil über ihren Arm stülpt, während die dritte daran zieht. zieht. Im Hintergrund sitzt eine weitere Person auf einem Würfel.
  • Methode

Tanz mit Hocker: Sinnlichkeit als Basis einer Bewegungssprache für den alten Körper

Der direkte Hautkontakt zu physisch wahrnehmbaren Strukturen und Texturen wie Boden, Wand, Objekte, Kleidung oder Partner*in aktiviert die Sinne. Eine Methode von Lisa Thomas – mit Video-Tutorial.

Eine ältere Frau steht auf einer Bühne und trägt eine jüngere Frau, die ihren Kopf umklammert, auf dem Rücken. Sie hält ein Blatt Papier mit der Aufschrift „belastbar“. Im Hintergrund hängen weitere Zettel, u. a. mit der Aufschrift „nutzlos“. mit einzelnen Wörtern.
  • Methode

WIR – Das Alphabet: Wie bin ich von A bis Z?

Jede*r schreibt ein eigenes Porträt in Form eines Alphabets als Fundament für die (Er-)Findung von Bewegungen. Eine Methode von Silke Z. – mit Video-Tutorial.

Mehrere ältere Menschen stehen im Freien auf einer Straße und strecken beide Arme nach vorn und oben. Ein Mann im Vordergrund trägt ein rotes Langarmshirt. Im Hintergrund sind eine Mauer mit Graffiti, ein Bus und ein vorbeifahrender Radfahrer zu sehen.
  • Methode

Die Schwärmerei: Sichtbar werden in der Öffentlichkeit

Die Gruppe bewegt sich als Ensemble im Gleichklang wie ein Fischschwarm durch den öffentlichen Raum. Eine Methode von Silke Z.

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