Ablauf
Verknüpfung von Bewegung und Wahrnehmung als sinnengeleitete Erforschung und Warm-up des Körpers:
- Direkte Kontaktaufnahme über die Haut zu physisch wahrnehmbaren Strukturen und Texturen wie den Boden, die Wand, Objekte, Kleidung oder Partner*in zur Aktivierung der Sinne.
- Auf dem Hocker sitzend: Erspüren der Verbindung von Füßen, Sitzhöckern bis zum Scheitelpunkt des Kopfes.
- Erkunden des Bodens mit den Füßen und der Sitzfläche des Hockers mit dem Becken und den Sitzhöckern. Wie unterscheidet sich die Wahrnehmung zwischen dem rechten und dem linken Sitzhöcker? Wie wollen sich die Sitzhöcker von sich aus bewegen? Es geht darum, die Eindrücke, die auf diese Weise hergestellt werden, als bewegungserzeugend zu empfinden.
- Ausweitung der Übung auf die angrenzenden Körperteile wie Knie, Wirbelsäule oder Kopf, die in die sensibilisierte Wahrnehmung einbezogen werden.
- Einführung von „mini-choreografischen“ Strukturen: Ausrichtung des Körpers im Raum, zu Bewegungen in Linien und Kreisen. Wie ändert sich die sinnliche Selbstwahrnehmung der einzelnen Körperteile, wenn die Bewegungen größer oder kleiner werden? Auf diese Weise entwickeln die Teilnehmer*innen vielfältige Möglichkeiten zur inneren Handhabung und sinnlichen Wahrnehmung von Tanz auf kleinstem Raum. Aus choreografischer Perspektive entsteht ungewöhnliches und neues Bewegungsmaterial.
Exemplarische Anleitung der Teilnehmer*innen
- Du sitzt auf dem Hocker und richtest dich entspannt auf. Spüre deinen Atem fließen und visualisiere die drei wichtigen „Verbindungen“ für das aufrechte Sitzen.
- Erkunde die Verbindung über die Fußsohlen zum Boden, die Verbindung über das Gesäß und die Sitzhöcker zur Stuhlfläche sowie die Verbindung über deinen Scheitelpunkt und den unsichtbaren Faden zur Decke des Raums.
- Lenke deine Aufmerksamkeit auf die Kontaktfläche von Gesäß und Hocker, im Besonderen auf die Wahrnehmung der Sitzhöcker auf der Stuhlfläche.
- Experimentiere und rolle spielerisch auf den Sitzhöckern vor und zurück, nach rechts und nach links und beobachte, welche Bewegungen als Echo in deiner Wirbelsäule, in deinem Rumpf, im Bauchbereich, im Brustbereich, im Bereich von Hals und Kopf, in der Taille entstehen.
- Stelle dir vor, deine beiden Sitzhöcker sind unabhängig voneinander und können getrennt voneinander agieren. Hebe einen Sitzhöcker nach oben an und setze ihn wieder ab, dann hebe ihn an und setze ihn an einem anderen Punkt wieder ab. Stell‘ Dir vor, du würdest mit einem Höcker verschiedene Stempelabdrücke auf der Hockerfläche machen wollen. Dann probiere es mit der anderen Seite. Spüre in der Wiederholung die Resonanz der Aktionen in deinem Körper – bis in die Fußsohlen, Knie, Wirbelsäule, Rumpf, Arme, Kopf.
- Verschiebe einen Sitzhöcker flexibel in unterschiedliche Richtungen. Der andere bleibt, so gut es geht, wo er ist. Im Verschieben kannst du auch an das Malen von Linien, Kreisen und Mustern denken. Welche Resonanz kannst du dazu in deinem Körper spüren?
- Probiere größere Verschiebungen des Sitzhöckers aus: bis zur Stuhlkante vorne, an die Seite, hinten. Was passiert, wenn der Sitzhöcker darüber hinausrutscht? Vielleicht werden die Gesäßfläche oder die Stuhlfläche warm?
- Lege die Hände locker auf die Oberschenkel und kombiniere die Bewegungen des Rutschens und Hebens der Sitzhöcker auf der Stuhlfläche. Arbeite erst im Wechsel von rechts und links und dann auch gleichzeitig mit beiden Sitzhöckern, die unterschiedliche Raumimpulse haben können. Versuche es, auch wenn es nicht zu funktionieren scheint. Die Stuhlfläche ist wie eine Bühne, auf der ein Duett stattfindet. Durch Annäherung, Entfernung, Gleichzeitigkeit, Ungleichzeitigkeit, Tempowechsel kann die Bewegung auf unterschiedlichem Level fließen, abrupt abfallen, stocken.
Nun kann unterstützend Musik hinzugenommen werden. Dabei lässt sich mit geschlossenen Augen und danach mit Partner*innen-Feedback arbeiten. Es geht weiterhin um das Erspüren und Erkunden der Resonanz von minimalen Veränderungen im Becken und dem restlichen Körper. Fragen für das Partner*innen-Feedback: Was ist interessant? Was ist spannend? Was siehst du im Verhältnis zu dem, was ich spüre?
- Vergrößere mit der unterstützenden Musik den Stuhltanz aus der Sitzfläche heraus. Nimm dir Luftpolster-Wolken unter die Arme, lasse den Rumpf und die Arme aus den Impulsen des Beckens heraus mitfließen. Wenn die Impulse aus dem Becken klar und kraftvoll werden, verändern sich auch die Auflageflächen und die Positionen von Knien und Füßen, Richtung Boden, oder Öffnen-Schließen der Hüfte, Anheben und Sinken der Knie.
- Kannst du spüren, wie der Motor jeglicher Bewegung, die du in deinem Tanz aneinanderfügst, aus deinem unteren Zentrum kommt?
Wenn die Übung vertrauter geworden ist, kann der Fokus auf den Dialog, z. B. zwischen Sitzhöcker und Fußsohle gelegt werden.
- Finde eine individuelle, interessante Verbindung zwischen Sitzhöcker und einem Körperteil: z. B. zwischen Ohr und Handgelenk oder Kinn und Knie.
Auch eine Beschränkung kann als mögliche choreografische Struktur in einem Ensemble genutzt werden.
Mögliche Weiterführung
- Mit der Idee eines unsichtbaren Hockers arbeiten, die Erinnerung und das Empfinden, die Form der recherchierten Bewegungen aktivieren und so ein sinnbehaftetes, vom Objekt losgelöstes, abstrahiertes Bewegungsrepertoire nutzen.
- Fortbewegungen, Haltungen und Innehalten kombinieren, z. B. Gehen, Gewichtsverlagerung, Fuß nacheinander setzen, Knie, Becken, Wirbelsäule, Schultergürtel, Arme, Hände, Fokus, dann noch ein Detail setzen.
- Sich platzieren: Entscheidungen treffen, Auswählen, Präzisieren.
- Subtexte hinzugeben oder entstehen lassen. Mit der Zeit kann der Körper darin eine Selbstverständlichkeit entwickeln. Welche Bilder oder Worte kommen bei den unterschiedlichen Bewegungen auf?
Video: Hanna Held