Zum Inhalt springen

Tanz mit Hocker: Sinnlichkeit als Basis einer Bewegungssprache für den alten Körper

von Lisa Thomas

Video-Tutorial

Steckbrief

Idee

Der direkte Hautkontakt zu physisch wahrnehmbaren Strukturen und Texturen wie Boden, Wand, Objekte, Kleidung oder Partner*in aktiviert die Sinne. Die Methode eignet sich besonders in einer Aktivierungs- und Recherchephase.

Ziel

Die Methode hat zum Ziel, für die Kunstfertigkeit von Bewegung zu sensibilisieren. Die Komplexität und die besondere Ausdifferenzierung der Bewegungen lässt eine Präsenz entstehen, die einerseits das Klischee von sinnlich-erotischer Bewegung auf dem Stuhl und andererseits stereotype Bilder vom Sitztanz für Senior*innen hinterfragt. Für die alten Tänzer*innen sollen kleine und große Überraschungen entstehen, wenn der Fundus an Bewegungen aus dem Zentrum heraus archäologisch freigelegt wird. Die Orientierung an den knöchernen Strukturen bietet den Teilnehmenden ein Handwerkszeug zur selbstständigen Komposition tänzerischer Bewegung in Beziehung zur Musik.

Bezug zum Thema Alter(n)

Als Tanzvermittlerin erlebe ich ältere Menschen in ihren Bewegungsqualitäten häufig als von ihrer Sinnlichkeit abgekoppelt – bedingt durch Sozialisation und gesellschaftliche Altersbilder. Unter den Bedingungen des Arbeits- und Familienlebens haben viele einen selbstverständlichen persönlichen Genuss der Beweglichkeit und der vielfältigen sinnlichen Wahrnehmungsfähigkeiten des Körpers verlernt. Durch diese Methode wird die leiblich-körperliche, sinnliche Wahrnehmungsfähigkeit älterer Menschen insofern gefördert, als dass jedes Körperteil, ob Gelenke, Gliedmaße, Organe, einzelnen Knochen oder Muskeln, in seinen besonderen Qualitäten angesprochen wird.

Zeit

90 Minuten

Material

Hocker (oder auch Stühle) für alle Teilnehmer*innen

Musik

Unterstützende Musik kann im Verlauf hinzugenommen werden.


Ablauf

Verknüpfung von Bewegung und Wahrnehmung als sinnengeleitete Erforschung und Warm-up des Körpers:

  • Direkte Kontaktaufnahme über die Haut zu physisch wahrnehmbaren Strukturen und Texturen wie den Boden, die Wand, Objekte, Kleidung oder Partner*in zur Aktivierung der Sinne.
  • Auf dem Hocker sitzend: Erspüren der Verbindung von Füßen, Sitzhöckern bis zum Scheitelpunkt des Kopfes.
  • Erkunden des Bodens mit den Füßen und der Sitzfläche des Hockers mit dem Becken und den Sitzhöckern. Wie unterscheidet sich die Wahrnehmung zwischen dem rechten und dem linken Sitzhöcker? Wie wollen sich die Sitzhöcker von sich aus bewegen? Es geht darum, die Eindrücke, die auf diese Weise hergestellt werden, als bewegungserzeugend zu empfinden.
  • Ausweitung der Übung auf die angrenzenden Körperteile wie Knie, Wirbelsäule oder Kopf, die in die sensibilisierte Wahrnehmung einbezogen werden.
  • Einführung von „mini-choreografischen“ Strukturen: Ausrichtung des Körpers im Raum, zu Bewegungen in Linien und Kreisen. Wie ändert sich die sinnliche Selbstwahrnehmung der einzelnen Körperteile, wenn die Bewegungen größer oder kleiner werden? Auf diese Weise entwickeln die Teilnehmer*innen vielfältige Möglichkeiten zur inneren Handhabung und sinnlichen Wahrnehmung von Tanz auf kleinstem Raum. Aus choreografischer Perspektive entsteht ungewöhnliches und neues Bewegungsmaterial.

 


Exemplarische Anleitung der Teilnehmer*innen

  • Du sitzt auf dem Hocker und richtest dich entspannt auf. Spüre deinen Atem fließen und visualisiere die drei wichtigen „Verbindungen“ für das aufrechte Sitzen.
  • Erkunde die Verbindung über die Fußsohlen zum Boden, die Verbindung über das Gesäß und die Sitzhöcker zur Stuhlfläche sowie die Verbindung über deinen Scheitelpunkt und den unsichtbaren Faden zur Decke des Raums.
  • Lenke deine Aufmerksamkeit auf die Kontaktfläche von Gesäß und Hocker, im Besonderen auf die Wahrnehmung der Sitzhöcker auf der Stuhlfläche.
  • Experimentiere und rolle spielerisch auf den Sitzhöckern vor und zurück, nach rechts und nach links und beobachte, welche Bewegungen als Echo in deiner Wirbelsäule, in deinem Rumpf, im Bauchbereich, im Brustbereich, im Bereich von Hals und Kopf, in der Taille entstehen.
  • Stelle dir vor, deine beiden Sitzhöcker sind unabhängig voneinander und können getrennt voneinander agieren. Hebe einen Sitzhöcker nach oben an und setze ihn wieder ab, dann hebe ihn an und setze ihn an einem anderen Punkt wieder ab. Stell‘ Dir vor, du würdest mit einem Höcker verschiedene Stempelabdrücke auf der Hockerfläche machen wollen. Dann probiere es mit der anderen Seite. Spüre in der Wiederholung die Resonanz der Aktionen in deinem Körper – bis in die Fußsohlen, Knie, Wirbelsäule, Rumpf, Arme, Kopf.
  • Verschiebe einen Sitzhöcker flexibel in unterschiedliche Richtungen. Der andere bleibt, so gut es geht, wo er ist. Im Verschieben kannst du auch an das Malen von Linien, Kreisen und Mustern denken. Welche Resonanz kannst du dazu in deinem Körper spüren?
  • Probiere größere Verschiebungen des Sitzhöckers aus: bis zur Stuhlkante vorne, an die Seite, hinten. Was passiert, wenn der Sitzhöcker darüber hinausrutscht? Vielleicht werden die Gesäßfläche oder die Stuhlfläche warm?
  • Lege die Hände locker auf die Oberschenkel und kombiniere die Bewegungen des Rutschens und Hebens der Sitzhöcker auf der Stuhlfläche. Arbeite erst im Wechsel von rechts und links und dann auch gleichzeitig mit beiden Sitzhöckern, die unterschiedliche Raumimpulse haben können. Versuche es, auch wenn es nicht zu funktionieren scheint. Die Stuhlfläche ist wie eine Bühne, auf der ein Duett stattfindet. Durch Annäherung, Entfernung, Gleichzeitigkeit, Ungleichzeitigkeit, Tempowechsel kann die Bewegung auf unterschiedlichem Level fließen, abrupt abfallen, stocken.

Nun kann unterstützend Musik hinzugenommen werden. Dabei lässt sich mit geschlossenen Augen und danach mit Partner*innen-Feedback arbeiten. Es geht weiterhin um das Erspüren und Erkunden der Resonanz von minimalen Veränderungen im Becken und dem restlichen Körper. Fragen für das Partner*innen-Feedback: Was ist interessant? Was ist spannend? Was siehst du im Verhältnis zu dem, was ich spüre?

  • Vergrößere mit der unterstützenden Musik den Stuhltanz aus der Sitzfläche heraus. Nimm dir Luftpolster-Wolken unter die Arme, lasse den Rumpf und die Arme aus den Impulsen des Beckens heraus mitfließen. Wenn die Impulse aus dem Becken klar und kraftvoll werden, verändern sich auch die Auflageflächen und die Positionen von Knien und Füßen, Richtung Boden, oder Öffnen-Schließen der Hüfte, Anheben und Sinken der Knie.
  • Kannst du spüren, wie der Motor jeglicher Bewegung, die du in deinem Tanz aneinanderfügst, aus deinem unteren Zentrum kommt?

Wenn die Übung vertrauter geworden ist, kann der Fokus auf den Dialog, z. B. zwischen Sitzhöcker und Fußsohle gelegt werden.

  • Finde eine individuelle, interessante Verbindung zwischen Sitzhöcker und einem Körperteil: z. B. zwischen Ohr und Handgelenk oder Kinn und Knie.

Auch eine Beschränkung kann als mögliche choreografische Struktur in einem Ensemble genutzt werden.


Mögliche Weiterführung

  • Mit der Idee eines unsichtbaren Hockers arbeiten, die Erinnerung und das Empfinden, die Form der recherchierten Bewegungen aktivieren und so ein sinnbehaftetes, vom Objekt losgelöstes, abstrahiertes Bewegungsrepertoire nutzen.
  • Fortbewegungen, Haltungen und Innehalten kombinieren, z. B. Gehen, Gewichtsverlagerung, Fuß nacheinander setzen, Knie, Becken, Wirbelsäule, Schultergürtel, Arme, Hände, Fokus, dann noch ein Detail setzen.
  • Sich platzieren: Entscheidungen treffen, Auswählen, Präzisieren.
  • Subtexte hinzugeben oder entstehen lassen. Mit der Zeit kann der Körper darin eine Selbstverständlichkeit entwickeln. Welche Bilder oder Worte kommen bei den unterschiedlichen Bewegungen auf?

Video: Hanna Held

Weitere Methoden

Andrea Marton mit vier Frauen im Tanzlabor Ü60
  • Methode

Solo für ein Körperteil: Auswahlmöglichkeit für Improvisation

Mit dieser Methode entstehen individuelle Ausdrucksmöglichkeiten für tänzerische Improvisation je nach Präferenzen und Bewegungsspielräumen der Teilnehmenden. Eine Methode von Andrea Marton – mit Video-Tutorial.

oto eines großen, nahezu leeren Ausstellungsraums mit weißen Wänden und einem zweigeteilten Boden: links ein heller, weißer Bereich, rechts dunkle Holzdielen. Im Vordergrund hält eine Hand eine quadratische Spiegel- oder Reflexionsfläche in die Kamera. Darin sind verzerrte Spiegelungen mehrerer Personen sowie geschwungene helle Linien zu sehen. Am oberen Rand der Spiegelung erscheint der spiegelverkehrte Schriftzug „PERFORMANCE“. Links im Raum steht eine Person in weiter dunkler Kleidung nahe einer Türöffnung.
  • Methode

Tanz geht raus, Kunst kommt rein: Tanz und Bildende Kunst

Ausgehend von einem Tanzworkshop in einer Kunst-Ausstellung wurde diese Methode für die Begegnung mit Werken der Bildenden Kunst entwickelt. Eine Methode von Andrea Marton.

Mehrere ältere Männer und Frauen stehen barfuß auf einer Bühne und bewegen sich in unterschiedliche Richtungen. Ein Mann in der Mitte hebt beide Arme und hält ein Bündel Kabel. Andere halten Gestelle mit hängenden Objekten oder tragen große weiße Blöcke. Alle tragen Alltagskleidung.
  • Methode

Sich mit Einschränkungen bewegen: Wesentlichkeit und freiwillige Beschränkung als essenzielle Methode

Das Erleben von Einschränkung stellt eine künstlerische Herausforderung dar. Grundlegend sind regelmäßige Übungen zur Wahrnehmung und Beweglichkeit unserer Körperteile. Eine Methode von Lisa Thomas.

Eine ältere Frau steht auf einer Bühne und trägt eine jüngere Frau, die ihren Kopf umklammert, auf dem Rücken. Sie hält ein Blatt Papier mit der Aufschrift „belastbar“. Im Hintergrund hängen weitere Zettel, u. a. mit der Aufschrift „nutzlos“. mit einzelnen Wörtern.
  • Methode

WIR – Das Alphabet: Wie bin ich von A bis Z?

Jede*r schreibt ein eigenes Porträt in Form eines Alphabets als Fundament für die (Er-)Findung von Bewegungen. Eine Methode von Silke Z. – mit Video-Tutorial.

Mehrere ältere Menschen stehen im Freien auf einer Straße und strecken beide Arme nach vorn und oben. Ein Mann im Vordergrund trägt ein rotes Langarmshirt. Im Hintergrund sind eine Mauer mit Graffiti, ein Bus und ein vorbeifahrender Radfahrer zu sehen.
  • Methode

Die Schwärmerei: Sichtbar werden in der Öffentlichkeit

Die Gruppe bewegt sich als Ensemble im Gleichklang wie ein Fischschwarm durch den öffentlichen Raum. Eine Methode von Silke Z.

Noch Fragen?

Sie möchten sich zu unseren Themen beraten lassen oder mehr über unsere Veröffentlichungen erfahren? Sprechen Sie uns gerne an!

Ansprechpartnerin

Porträtfoto von Almuth Fricke in einer gelben Bluse vor einem türkisfarbenen Hintergrund

Almuth Fricke

Ansprechpartnerin

Porträt von Miriam Haller

Miriam Haller