Zum Inhalt springen

Wie wenig ist genug? Generationengerechte Zukunft in „Requiem für eine marode Brücke“ vom Schauspiel Köln

von Almuth Fricke

Wie klingt Stadtplanung, wenn sie ein Konzert wäre? Mit „Requiem für eine marode Brücke“ geht das Theater ins Kölner Diözesan-Museum Kolumba. Es verbindet Recherchen zu Verfall, Erhalt und Erneuerung der städtischen Infrastruktur mit dem „Deutschen Requiem“ von Johannes Brahms, gesungen von einem Jugend- und einem Altenchor. Über die Inszenierung, die trotz aller Misere am Ende einen Funken Hoffnung gibt, berichtet kubia-Leiterin Almuth Fricke.

Durch eine niedrige Hintertür betreten die Zuschauer*innen einen ungewöhnlichen Theaterraum. Wir stehen inmitten der Ausgrabung von Kolumba, dem Museum für sakrale Kunst, das der Schweizer Architekt Peter Zumthor über den Trümmern der im Krieg zerstörten Kirche St. Kolumba erbaut hat. Im untersten Sediment, über den Ruinen, mittelalterlichen Vorläuferbauten und Überresten römischer Siedlungsbauten, windet sich ein schmaler Holzsteg. Dicht gedrängt versammelt sich darauf das Publikum. Mittendrin stehen graue Gestalten: die Sänger*innen vom Kölner „Experimentalchor Alte Stimmen“. Sie imitieren klanglich den Verkehrslärm auf den titelgebenden kaputten Kölner Brücken. Dann richtet sich der Fokus auf Paula Carbonell Spörk, Benjamin Höppner und Hasti Molavian. Die Ensemblemitglieder des Schauspiels Köln erklimmen die Säulenfundamente im Grabungsfeld. Sie stimmen eine Klage über das kölsche Bau-Chaos an und über eine allerorten marode Infrastruktur, der die Bundesregierung gerade mit einem Sondervermögen zu Leibe rückt. Wie konnte es dazu kommen?

„Make the secrets productive!“

Quasi aus den Trümmern steigt als Konterpart zu den „Alten Stimmen“ das Jugendensemble der Kölner Dommusik auf. Es singt den zweiten Satz aus der Brahmschen Totenmesse „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“: In einer Prozession folgen wir den jungen und alten Sänger*innen ins Hauptgebäude. Verbunden durch Auszüge des Requiems führt das Stück fortan als Stationendrama durch das Haus. Dabei nutzt die Regisseurin das Museum nicht nur als Spielraum, sondern macht die aktuelle Jahresausstellung zum integralen Bestandteil der dramatisch-musikalischen Handlung. „Make the secrets productive! Kunst in Zeiten der Unvernunft“ heißt die Ausstellung und versteht sich laut Begleitheft als „Statement für die systemrelevante Dimension der Kunst in einer funktionierenden Demokratie“. In der Auseinandersetzung mit den „Schmerzpunkten der Gegenwart, aber auch mit der Kraft der Utopie“ treffen hier Inszenierung, Bildende Kunst und Musik aufeinander.

Zukünftiges suchen wir

Das zentrale Motiv des Requiems – „Denn wir haben hier keine bleibende Statt, sondern die zukünftige suchen wir“ – verweist auf die Thematik der Inszenierung. Das Verhältnis von Altem und Neuem, Vergangenheit und Zukunft spiegelt gleichwohl die Kunst in Kolumba wider: Auf dem unteren Treppenabsatz hängt das titelgebende Kunstwerk von Joseph Beuys: „Die alten Bäume sterben ab und neue wachsen nach. Sie sind die Zukunft“, hat der Künstler 1977 auf eine Holzplatte gepinselt. Was hinterlassen wir? Wie bauen wir Brücken in die Zukunft? Dies ist auch eine Frage von Generationengerechtigkeit: „Das Thema ‚Alt und Jung‘ ist Teil des Stücks. Es geht doch um die alte Welt, die Infrastruktur, die Straßen, also das Jetzt, und darum, wo es in der Zukunft hingehen kann. Und deshalb stehen wir Alten eigentlich für das Alte, für das Jetzt, und die Jugend für die Zukunft“, erklärt Franz Rösberg, einer der Sänger*innen des „Experimentalchors Alte Stimmen“, im Interview.

Die Sänger*innen erleben die Einladung der Regisseurin, bei „Requiem“ mitzumachen, als außergewöhnliche Erfahrung: „Es war ein Geschenk, dass wir in diesen künstlerischen Prozess so eintauchen durften. Wir haben gemerkt, das entsteht alles noch, nichts ist fix, und wir werden nach unserer Meinung gefragt. Es sind Dinge von uns mit eingeflossen“, beschreibt es Gerda Hörenz. Für Anne Grose, die nicht nur als Sängerin mitwirkt, sondern aufgrund ihres verkehrspolitischen Engagements im Vorfeld als Expertin interviewt wurde, war besonders die Interaktion mit Kolumba spannend, „ein ganz besonderer Ort, der mit der Thematik zu tun hat: Dort kommen das Alte, das Neue und das Sakrale sowie die neue, gegenwärtige Kunst zusammen.“

Aufführungszene in einem Innenhof bei Nacht, gesehen durch eine große Fensterfront: Mehrere Personen stehen im Halbdunkel.

Der „Experimentalchor Alte Stimmen“ performt im Innenhof des Kölner Diözesan-Museums Kolumba.

© Birgit Hupfeld, SPL KLN

Organisierte Unverantwortlichkeit

Im zweiten Teil der Aufführung verteilt sich das Publikum in drei Gruppen in den Museumsräumen. Von den drei Ensemblemitgliedern hören wir – flankiert von der Ausstellung – je einen anderen Vortrag: über die mangelnden Reserven der deutschen Infrastruktur, über eine wenig nachhaltige Stadtplanung, meist von Männern erdacht, und über den fehlenden Mut zur Innovation. Diese sei nicht mit „Abreißen und Neumachen“ zu verwechseln, mahnt Schauspieler Benjamin Höppner. Stattdessen müssten wir lernen, besser Sorge zu tragen für das Vorhandene. Hasti Molavian, nicht nur Schauspielerin, sondern auch ausgebildete Mezzosopranistin, doziert meisterlich über den Kölner Verwaltungsirrsinn, die Tücken der HOAI-Leistungsphasen (Honorarordnung für Architekt*innen und Ingenieur*innen) und des Vergaberechts, die ewigen Nein-Sager*innen und den Unwillen der Verantwortlichen, irgendeine Verantwortung zu übernehmen. Ihr Vortrag mündet in eine Arie zu den „Haushaltseinsparungsnotwendigkeiten“. Werden solche Wortungetüme uns notwendige Transformationen ermöglichen oder doch eher lähmen?

Hoffnungsschimmer

Am Ende kommt das Publikum im großen Saal im zweiten Obergeschoss wieder zusammen. Wir gruppieren uns um den „Cowboy mit Pferd“ des Essener Autodidakten Erich Bödeker, dem passend zum Brahmschen Schlussmotiv „Tod, wo ist dein Stachel?“ kleine Kakteen dargeboten werden, die die Zuschauer*innen eingangs mitnehmen durften. Aus dem Dunkel der Nebenräume treten die Chöre auf: Während den Alten Gras und Büsche gleichsam aus den Köpfen wachsen, tragen die Jungen lässige Flower-Power-Outfits. Vereint erzeugen sie Geräusche der Natur, es wächst und zwitschert und windet sich, bis sie in den letzten Satz des Requiems einstimmen – begleitet an zwei Flügeln von den musikalischen Leitern des Abends, Michael Wilhelmi und Simon Rummel.

Für die „Alten Stimmen“ war dies ein sehr wichtiger Moment, in dem die Generationen zueinanderfinden: „‚Tod, wo ist dein Stachel? Tod, wo ist dein Sieg?‘ Da klingt Hoffnung in Brahms’ Requiem an. Es geht vom Dunkel ins Helle, und wir durften Teil dieser Transformation sein und sie mitkreieren“, sagt Ruth Tschacher. Wichtig ist den Beteiligten, dass sie als Alte der Jugend etwas übergeben können: „Wir lassen sie an unserer Lebenserfahrung teilhaben, nach dem Motto: ‚Macht nicht die gleichen Fehler'“, erklärt eine andere Sängerin. Das Stück endet damit, dass sich Simon Rummel mit Engelsflügeln aufschwingt und „Starman“ von David Bowie anstimmt – auch der Song ist Teil der Kolumba-Ausstellung. Das Lied handelt von Ziggy Stardust, der in einer Radiosendung den Jugendlichen der vom Untergang bedrohten Erde die Hoffnung bringende Nachricht übermittelt, dass einem Außerirdischen die Rettung der Welt gelingen würde. Das ist ziemlich kitschig, aber dennoch tröstlich. „Das Stück hat mir die Hoffnung gegeben, dass es nach mir noch jemand anderen gibt, der weitermacht“, ist das Fazit einer der „Alten Stimmen“.

Der Kölner „Experimentalchor Alte Stimmen“ feiert seit 20 die Schönheit der alternden Stimme. Statt die Stimme in dieser Phase als defizitär zu erleben, hat es sich der Chor zur Aufgabe gemacht, ihre „Vielfaltigkeit“ und das gelebte Leben, das durch sie hindurch klingt, aufzuzeigen. Die Chormitglieder sind zwischen Ende 60 und über 90 Jahre alt. Geleitet wird der Chor von den Musiker*innen Ortrud Kegel, Sim Rummel und Alexandra Naumann.

www.alte-stimmen-koeln.de und www.schauspiel.koeln

Projejkt zum Thema:

Drei singende ältere Frauen mit erhobenen Armen
  • Musik
  • ·
  • Alter
  • ·
  • 2024

environmental dialogue – Multimediales Chorprojekt mit Stimmen ab 70 Jahren

Weiterstöbern in Fachbeiträgen:

Ältere Menschen präsentieren originelle Upcycling-Modell auf dem Laufsteg der Vienna Fashion Week.
  • Praxiseinblick

Mode mit gesellschaftspolitischer Agenda – Die Wiener Pensionist*innenklubs bei der Vienna Fashion Week

kubia-Mitarbeiterin Dr.in Miriam Haller wirft einen Blick über den deutschen Tellerrand und entdeckt in Österreich avantgardistische Upcycling-Mode von Senior*innen bei der Vienna Fashion Week.

Das interkulturelle Ensemble von Wortklang bei einem Auftritt: Foto: Eine Gruppe musiziert gemeinsam. Im Vordergrund sitzt eine Person mit Saiteninstrument, im Hintergrund stehen Sänger*innen.
  • Praxiseinblick

Nicht als Wasser in einem Meer verschwinden – Transkulturelle Begegnungen in der Düsseldorfer Initiative „Wortklang“

„Wortklang“ nennt sich ein Projekt in Düsseldorf, das nicht nur die deutsche Sprache mit Musik und Rhythmus vermittelt, sondern auch das inter- und transkulturelle soziale Miteinander im Stadtteil stärkt.

Im Rat der Generationen erproben Jugendliche und Ältere performativ demokratische Prozesse. Sie zeigen Schilder mit "Einspruch" oder "Ordnungsruf".
  • Praxiseinblick

BeRatung für die Zukunft – Ein Rat der Generationen gründet sich am Theater der Jungen Welt in Leipzig

Gemeinsam mit der freien Theatermacherin Katrin Maiwald berief das Leipziger Theater der Jungen Welt (TDJW) im Jahr 2025 einen Rat der Generationen mit Menschen, die sonst selten an einem Tisch sitzen.

Fotografie: Älterer Mann mit Strickmütze und junge Frau mit Stirnband, beide tragen eine rote Clownsnase.
  • Praxiseinblick

Zirkusreif – Manege frei in finnischen Pflegeheimen

Zirkus im Pflegeheim? Für die finnische Forscherin und Kulturvermittlerin Pilvi Kuitu ist das mehr als Unterhaltung. Es ist ein Weg zu kultureller Teilhabe, Lebensfreude und Wohlbefinden im Alter.

Fotografie: Mehrere Personen stehen um weiße, kopflose Puppen herum und betrachten sie.
  • Praxiseinblick

Who Cares? Fürsorge in der Bürger*innenoper Dortmund

In der Bürger*innenoper Dortmund bringen ältere Sängerinnen ihre Erfahrungen mit Fürsorge, Familie und Pflege in der Opernproduktion „Who cares?" künstlerisch auf die Bühne.

Fotografie: Retro-Radioempfänger und Retro-Bügeleisen auf einem gedeckten Tisch mit Kaffeetasse. Mehrere Personen unterschiedlichen Alters sitzen am Tisch.
  • Praxiseinblick

Alltag weckt Erinnerung – Ein Begegnungsangebot für Menschen mit Demenz und ihre Pflegenden

Das partizipative Projekt „Alltag weckt Erinnerung“ nutzt Koffer mit Alltagsgegenständen aus der DDR, um Menschen mit und ohne Demenz miteinander in Kontakt zu bringen.

Fotografie: Ältere Personen und Kinder sitzen und stehen an einem festlich gedeckten Tisch. Vor ihnen liegen Gipsmasken.
  • Praxiseinblick

Der Tod geht ein und aus – Die Papillons machen Theater im Pflegewohnheim

Die PAPILLONS, ein Ensemble aus älteren Menschen mit und ohne Demenz, verwandeln das Pflegewohnheim „Am Kreuzberg“ in eine Bühne voller Leben, Musik und Begegnung über Generationen hinweg.

Eine ältere lachende Frau steht vor einem Flipchart und klebt eine orange Haftnotiz-Karte darauf. Auf der Karte steht „Empathie“.
  • Praxiseinblick

Alter(n) mit Zukunft – Ein Erlebnisbericht von der Weiterbildung Kulturgeragogik

Clara Hense, Weiterbildungsreferentin des Kulturgetriebes e. V., berichtet über den Weiterbildungskurs Kulturgeragogik 2025.

Schwarz-Weiß-Porträts von sechs älteren Menschen.
  • Praxiseinblick

Gedankenlos – ein Song, der Demenz eine Stimme gibt

Mit dem Projekt „Gedankenlos“ will der Aachener Verein Fauna e. V. zeigen: Menschen mit Demenz haben viel zu sagen – und wo die Worte fehlen, hilft Musik.

Ein älterer Mann und eine ältere Frau stehen an einem Tisch und begutachten eine Lampe.
  • Praxiseinblick

Wider das Wegwerfen – Im Reparaturcafé erhalten abgel(i)ebte Dinge eine zweite Chance

Alte Dinge erfahren neues Leben durch ehrenamtliches Engagement älterer Menschen im Repair-Café.

Noch Fragen?

Sie möchten sich zu unseren Themen beraten lassen oder mehr über unsere Veröffentlichungen erfahren? Sprechen Sie uns gerne an!

Ansprechpartnerin

Porträtfoto von Almuth Fricke in einer gelben Bluse vor einem türkisfarbenen Hintergrund

Almuth Fricke

Ansprechpartnerin

Porträt von Miriam Haller

Miriam Haller