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  • Interview

Wir sind eine Gesellschaft – Ein Gespräch mit Gerhart Baum, Ehrenpräsident des Kulturrats NRW

von Almuth Fricke

Gerhart Baum, Bundesinnenminister a. D., Anwalt und einer der profiliertesten Politiker der FDP streitet nicht nur für Freiheitsrechte und Demokratie, sondern auch für die Kultur. Von 2005 bis 2023 war er Vorsitzender des Kulturrats NRW. Mit kubia-Leiterin Almuth Fricke sprach er über die heilsame Kraft der Kunst und ihre Bedeutung, auch im Alter.

Herr Baum, Sie sind das prominente Sprachrohr des Kulturrats NRW: Woher rührt Ihr leidenschaftliches Engagement für die Kultur und die Belange von Künstler*innen?

Ich bin in meinem gesamten Leben sehr kulturinteressiert gewesen. Die Kunst hat mein Leben in jeder Hinsicht unglaublich bereichert. Ich hatte das Glück, einen Mentor zu haben, der mir die Literatur und die Bildende Kunst nahegebracht hat. Ich war auf dem Sprung, Kunstgeschichte zu studieren. Später kam die neue, die zeitgenössische Musik dazu, auch durch den Einfluss meiner Frau. Wir widmen uns ihr mit offenen Ohren und großer Neugier und pflegen viele Kontakte zu Komponisten und Interpretinnen.

Deutschland ist seiner Verfassung nach ein Kulturstaat. Kunst und Kultur haben es mitunter schwer, sich zu behaupten. Kunst zu fördern und ihr Freiräume zu sichern, war von Anfang an mein Anliegen als Kulturpolitiker: im Rat der Stadt Köln, dann über zehn Jahre im Bundesinnenministerium, das damals auch für die Kultur zuständig war, zuletzt vier Jahre als Minister. Dann im Bundestag. Ich konnte damals wesentlich dazu beigetragen, dass Kulturpolitik auch zu einer Aufgabe des Bundes wurde. Heute stelle ich meine Erfahrung und auch meinen politischen Einfluss in den Dienst derjenigen, die Kunst schaffen, sie durch Vermittlung zur Geltung bringen, ihre Entfaltung ermöglichen. Kunst und Kultur sind wichtig für die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft, ohne diese Impulse würde sie veröden.

kubia fördert seit über zehn Jahren mit Unterstützung des Landes die Kulturteilhabe von älteren Menschen und Menschen mit Behinderung. Was halten Sie von Kulturangeboten, die sich speziell an ältere Menschen richten?

Sehr viel. Das, was ich über Ihre Aktivitäten weiß, veranlasst mich zu der Feststellung, dass Sie sehr gute Arbeit leisten. Ich bin überzeugt, dass den Menschen im Alter durch Teilhabe an Kunst und Kultur Lebensqualität vermittelt werden kann und neue Erlebniswelten erschlossen werden können. Die Angebote, die Sie machen, sind wirklich sehr unterstützenswert.

Ältere Menschen – insbesondere die Bewohner*innen von Seniorenheimen – wurden durch die Kontaktsperren aufgrund der Corona-Pandemie in ihren Freiheitsrechten stark eingeschränkt. Eine Zeit lang wurde sogar diskutiert, dass Ältere generell zuhause bleiben sollten. Vom Alter her gehören Sie zu dieser „zu schützenden Risikogruppe“. Wie haben Sie diese Diskussion empfunden?

Als demütigend. Der Kampf gegen Corona ist hier zu weit gegangen. Die sicherlich schwierige Abwägung zwischen Tod durch Corona oder sozialem Tod führte traurigerweise mitunter zu beidem: Menschen sind gestorben, ohne dass sie den seelischen Beistand ihrer Angehörigen hatten. Der Versuch der Ausgrenzung alter Menschen am Anfang war völlig unüberlegt und im Grunde menschenfeindlich. Ab und zu kommen noch immer diese Reflexe: „Die Alten sollen sich mal zurückhalten, sie sind doch die Hauptbetroffenen.“ Aber wir sind eine Gesellschaft. Hinzu kommt, dass die Jüngeren ebenso betroffen sind, wie die aktuellen Erkenntnisse zeigen. Es gibt Gründe, alte Menschen besonders zu schützen, aber keinen Anlass, sie auszugrenzen. Menschenleben dürfen nicht gegeneinander aufgewogen werden.

Ist Altersdiskriminierung ein Thema, das Ihnen auch anderswo begegnet?

Nein, im Gegenteil. Man muss mich eher an mein Alter erinnern. Ich bin zum Beispiel erstaunt, wenn in einem öffentlichen Verkehrsmittel mir jemand Platz macht. (lacht) Ich fühle mich gar nicht so alt, aber die Sicht eines jüngeren Menschen ist anders, und über solch eine Geste freue ich mich. Wenn ich beim Eintritt in ein Museum sage, ich bin über 80 und dann jemand meinen Ausweis sehen will, fühle ich mich geschmeichelt. Nein, Altersdiskriminierung habe ich persönlich noch nicht erlebt.

In England gibt es sogenanntes social prescribing – auch Kultur kann per Rezept von Hausärzten verschrieben werden. Was denken Sie aus Ihrer liberalen Perspektive über solche gesundheitspolitischen Maßnahmen? Kann Kunst uns heilen?

Ja, davon bin ich überzeugt. Insbesondere aktive künstlerische Betätigungen wie Malen oder Musizieren können entscheidend zum Erfolg einer Therapie beitragen und sollten auch gezielt eingesetzt werden, wie ja auch bei uns bereits häufig praktiziert in der Psycho- bzw. Demenztherapie. Es gibt zum Thema Kunsttherapie inzwischen wichtige Studien. Es mangelt nur häufig an den Möglichkeiten der Umsetzung. Ob wir dazu einen legislativen Ansatz brauchen, kann ich nicht beurteilen. Aber ich weiß, die Briten sind auf diesem Feld weiter als wir, und wir sollten sie als Vorbild nehmen.

Was hält Sie so jung?

Unter anderem so ein Gespräch wie jetzt mit Ihnen. Ich halte es mit dem alten Goethe: Ich bleibe neugierig tätig. Und ich mische mich noch ein. Man fragt mich. Und ich lebe in einer erfüllten Partnerschaft mit einer Frau, die mich dabei unterstützt. Solange es geht, werde ich tätig sein.

Ich denke, das ist ein gutes Rezept. Vielen Dank für das Gespräch!

Cover Kulturräume 19/2020. Foto Peter Untermaierhofer, Lost Places. Ruine eines entkernten Theaterraums in Italien, Blick auf die Logen.
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