Alter(n) betrifft uns alle – ein Leben lang. Und trotzdem sind ältere und alternde Körper im Tanz, im Tanztheater und in der Performance noch immer selten sichtbar. Die Bühnenlogiken und Bilder vom „jungen“ Körper wirken nach – auch dort, wo sich die Freie Szene längst öffnet und in Bewegung gerät.
Warum dieses Dossier?
Das Dossier „Tanz und Alter“ setzt hier an: Es macht Arbeitsweisen sichtbar, versammelt Erfahrungen aus der Praxis und lädt dazu ein, tanzkünstlerische Prozesse mit älteren Menschen in der Kulturellen Bildung zu gestalten. Ziel ist es, Herangehensweisen zu zeigen, die Erfahrungswissen und Biografien ernst nehmen, Teilhabe ermöglichen und Anerkennung stärken. Es beschreibt das Besondere der tänzerischen Praxis mit Älteren, klärt Begrifflichkeiten, bringt Stimmen aus der Szene zu Gehör und sammelt Methoden, die Lust machen, ins Tun zu kommen.
Der Impuls kam aus der Praxis: Für das Festival „One Night Stand“ (Köln, Ludwigsburg, München 2024) entstanden Performances mit älteren Menschen, die altersstereotype Vorstellungen in Frage stellten und persiflierten. Die Choreografin Silke Z. und der Regisseur David Vogel aus Köln, die Choreograf*innen Lisa Thomas und Pascal Sangl aus Ludwigsburg und die Tanzschaffende Andrea Marton aus München setzten für das Festival alternde Körper selbstbewusst, witzig und sinnlich in Szene.
Anknüpfend an diese Praxis versteht dieses Dossier Alter(n) als leib-körperliche Erfahrung in sozialen Ordnungen – ein Prozess, der gespürt, verhandelt und künstlerisch erforscht wird. Das bedeutet, dass Alter(n) immer auch als biografischer Prozess zu verstehen ist, in dem sich Körperwissen, Haltungen und Bewegungsvorlieben prägen – und im Tanz auch sichtbar werden. Diese Perspektive öffnet nicht nur den Blick für sehr unterschiedliche Lebensrealitäten und Alter(n)sbilder, sie schafft auch Räume für Bewegung, für eine gemeinsame Suche und für neue Bilder vom Älterwerden auf der Bühne.
Dass sich hier etwas verschiebt, zeigen aktuelle Beiträge aus der Tanzszene selbst: Die (Un-)Sichtbarkeit älterer Körper wird diskutiert, intergenerationelle Formate werden initiiert und kuratorische Strategien gegen Ageismus erprobt. Der Mut, alternde Körper als künstlerische Ressource zu begreifen, wächst. Dieses Dossier versteht Tanz als Zugang zur Leiblichkeit der Alter(n)serfahrung und als Einladung, Praxis, Forschung und Vermittlung zusammenzudenken.
(Un)Sichtbarkeiten – Tanzkunst mit Älteren
Ältere und alternde Körper sind auf Bühnen noch immer selten präsent. In der Tanzkunst herrscht oft immer noch ein defizit-orientierter Umgang mit dem Alter(n). Tänzer*innen-Karrieren enden in der Regel in einem Alter, in dem Menschen in anderen Berufen erst richtig durchstarten. Doch zugleich bewegt sich auch etwas in der freien Szene: Es gibt mehr und mehr Projekte, die sich an ältere Menschen richten oder intergenerationell arbeiten. Kompanien und künstlerische Formate unterlaufen Altersnormen und die Gleichzeitigkeit von tanzkünstlerischer und -vermittelnder Arbeit nimmt zu. Damit wird Alter(n) als ästhetisch-politische Frage ernst genommen.
Impulse aus der Freien Szene
In der freien Szene gab es in den letzten Jahren vermehrt Signale für einen Diskurswandel: Im deutschsprachigen Raum hat das Festival „Coming of Age“ in den Sophiensaelen (2021, Berlin) vielfältige Facetten des Alter(n)s in der Gesellschaft in Aufführungspraxen und Diskursen auf die Bühne gebracht und den Boden für weitere künstlerische Auseinandersetzung bereitet. Es verstand sich als Plattform für Generationengerechtigkeit und -austausch. Im selben Jahr hat das Symposium „War schön. Kann weg … Alter(n) in der Darstellenden Kunst“ von Angie Hiesl und Roland Kaiser (2021) Arbeitsbedingungen, Altersbilder und Aufführungspraxen in den Darstellenden Künsten ins Zentrum gerückt. Die gleichnamige Publikation (2022) versammelt Beiträge von Performer*innen, Kurator*innen und Forscher*innen und plädiert für intergenerationelle Solidarität sowie kuratorische Strategien gegen Ageismus: Das Buch gibt einen Einblick in Perspektiven von Akteur*innen in den Darstellenden Künsten, in aktuelle tanzkulturelle Diskurse und politische Forderungen für mehr intergenerationellen Austausch und Präsenz von älteren Performer*innen.
Dieser Wandel lässt sich jedoch auch international nachvollziehen und als Verdichtung länger laufender Prozesse verstehen. Ein bekanntes Beispiel war Pina Bauschs „Kontakthof. Mit Damen und Herren ab 65“ (2000), in dem Laientänzer*innen auf der Bühne inszeniert wurden. Aber auch die Kompanie selbst steht dafür, dass Alter(n) institutionell und künstlerisch mitgedacht wird: Tänzer*innen berichten, wie gerne sie mit Pina als alternde Körper getanzt haben. Als Bühnenstoff ist Alter(n) jedoch auch durch andere Künstler*innen sichtbar geworden, beispielsweise durch Raimund Hoghe, der sich in vielfältiger Weise mit Körpergeschichte(n) auseinandersetzte. Seit den 2010er Jahren hat sich Alter(n) auch als Produktions- und Ensemblefrage stärker konturiert: Das Dance On Ensemble (gegründet 2015 in Berlin) hat eine künstlerischen Schaffensort für Tänzer*innen über 40 eröffnet und stellt deren tänzerisches Können und biografische Erfahrung kontinuierlich in Zentrum. Diese Beispiele machen deutlich, dass sich auch Besetzungspraktiken, Fragen der Schaffensperiode und Publikumsresonanzen verändern. Neuere Bühnenarbeiten wie „Fractus V“ von Sidi Larbi Cherkaoui, Doris Uhlichs „Come Back Again“ oder Helena Waldmanns „revolver besorgen“ zählen zu künstlerischen Auseinandersetzungen mit sich verändernden und alternden Körpern – so entstehen mehr und mehr tänzerische Erfahrungsräume für das Erleben des alternden Körpers.
Dies spiegelt sich auch in (tanz-)wissenschaftlichen Publikationen wie dem internationalen Sammelband „The Aging Body in Dance“ herausgegeben von Gabriele Brandstetter und Nanako Nakajima (2017) wieder. Darin werden globale Perspektiven zusammengeführt, die sich mit „exkludierenden“ und idealisierten Sichten auf Tanz-Körper und einem veränderten Verständnis von Virtuosität beschäftigen. Auch das Potenzial älterer Körper, in ihrem Bewegungsvermögen Erfahrungen zu transportieren und sichtbar zu machen, wird betont. In Bezug auf Community Dance beschreibt Kuppers darin zum Beispiel das Bewegungsvermögen von Teilnehmenden in einem Hospiz als „somatische Poesie“ und hebt dessen politische Kraft hervor.
Als Zusammenspiel von tänzerischer Forschung und tanzwissenschaftlichen Ageing Studies ist Susanne Martins „Dancing Age(ing)“ (2017) zu nennen, in dem sie sich Alter(n) zugleich als Praxis- und Performanz-Geschehen widmet, das in und durch Improvisation sichtbar, reflektierbar und veränderbar wird: „Sliding through time“ ist eine ihrer spannenden alterskritischen Strategien, die dazu einlädt, Alter(n) nicht nur in eine Richtung zu denken. Vor diesem Hintergrund ist das Symposium und der daraus entstandene Sammelband „War schön. Kann weg …“, zu dem viele Akteur*innen aus diesem Feld beigetragen haben, ein weiterer Schritt der künstlerischen und politischen Bündelung. Auch eine engere Verschränkung von Erfahrungen aus Praxis und Forschung wurde angeregt.
Diskurs zu performativer Sichtbarkeit alternder Körper
Auf diese Weise ist ein Diskurs entstanden, der „Ageing Trouble“ (z. B. Haller/Martin 2022, Haller 2026) und performative Sichtbarkeiten aufgreift – auch die Frage, wie alternde Körper auf der Bühne wirksam werden können. Diese Impulse zeigen: Die performativen Künste reflektieren geerbte Selbstverständlichkeiten, greifen in hegemoniale Bilder ein und bauen auf dem Erfahrungswissen älterer Künstler*innen auf.
Zugleich ist für Vermittler*innen Alter(n) schon lange ein Thema: Es gibt eine Vielzahl tanzgeragogischer Angebote für Ältere – von Senior*innen-Tanz bis Tanz im Sitzen –, Formate der Kulturellen Bildung und intergenerationelle Projekte. Daraus hat sich eine kultur- bzw. tanzgeragogische Praxis mit eigenen Zielen, Methoden und Rahmenbedingungen entwickelt. Dieses Dossier nimmt diese Landschaft zur Kenntnis, richtet den Blick jedoch bewusst auf Tanz, Tanztheater und Performance als künstlerische Praxis – dort, wo ästhetische Entscheidungen, Probenkulturen und Bühnenlogiken verhandelt werden und wo Alter(n) kreativ und vor allem körperlich befragt wird.
Worum es hier geht
Im Zentrum stehen künstlerische Prozesse mit Qualität, die auf dem Erfahrungswissen professioneller Künstler*innen und Vermittler*innen aufbauen und ältere Menschen als Expert*innen ihres eigenen Körpers und seiner Bewegung ernst nehmen. Das Dossier versammelt begriffliche Anker, macht das Besondere der Arbeit mit älteren Menschen sichtbar und zeigt, wie tänzerische (Forschungs-)Prozesse gestaltet werden können. Ziel ist es, Arbeitsweisen zu sammeln, die Biografien und Körperwissen reflektieren, leibliches Erleben ernst nehmen und damit stereotypisierende Altersbilder hinterfragen – mit praktischen Konsequenzen für die Zusammenarbeit in Projekten und Produktionen.
Warum jetzt?
In einer Kultur, die „fitte“ und „funktionierende“ Körper als Norm ausruft, wächst gleichzeitig das Bewusstsein dafür, dass Körper die Spuren von Erfahrungen, Wissen und gelebtem Leben in sich tragen –und damit das Potenzial einer ausdrucksstarken Präsenz in tänzerischen Prozessen und Performances. Tanz öffnet einen besonderen Zugang: Er macht das leibliche Spüren, die Differenzen in Körper(geschichten) und die Aushandlungen mit Zuschreibungen und (neu erfundenen) Narrativen sichtbar und erfahrbar. Dieses Dossier setzt hier an und lädt dazu ein, künstlerische Prozesse so zu gestalten, dass sie Teilhabe in Vermittlungsprozessen, Bewegungs(er)findung und Sichtbarkeit älterer Menschen auf der Bühne selbstverständlich machen.
Tanz als körperlich-ästhetisches Experimentierfeld
Tanz schafft Räume, in denen soziale Ordnungen – auch Altersordnungen – probeweise in Bewegung geraten. Als performative Praxis materialisieren sich in der tänzerischen Praxis Kategorien wie Geschlecht, Alter oder Zugehörigkeiten. Im Tanz(en) können diese Ordnungen nicht nur in ihrer sinnlichen Erfahrung untersucht werden, sie können auch sichtbar und verhandelbar werden. In dieser Perspektive wird Tanz zu einem Experimentierfeld des Sozialen, in dem sich Körperpraktiken, Arbeitsweisen und Ausdrucksformen verschränken – und damit Wahrnehmungsweisen öffnen können.
Leibliches Erleben
Dabei – und das ist das Besondere – rückt das leibliche Erleben ins Zentrum: Alter(n) wird als Spannungsverhältnis von gesellschaftlichen Bildern und Normen, Körperwissen und eigenleiblichem Spüren in kollektiven Praktiken erfahrbar. Leiblich und in Bewegung zu forschen heißt, Differenzerfahrungen mit dem „eigenen“ Körper in Beziehung zu sozialen Arrangements zu setzen. Genau hier entsteht Potenzial für künstlerische Prozesse im Alter(n): Sie stiften leibliche Erfahrung, die das alltägliche Verständnis von Alter irritieren, indem sie spürbar machen, was Körper können, wenn sie sich bewegen und indem sie die Teilnehmenden als Expert*innen ihres eigenen Körpers und ihrer eigenen Bewegungen involvieren.
Altersbilder in Bewegung
Tanz hat das Potenzial, „etwas” in Bewegung zu bringen – nicht nur Körper, sondern auch Bilder und Normen von Alter(n). In der Logik von doing/undoing age werden Alterszuschreibungen sozial und kulturell hergestellt und sind gerade deshalb zugleich veränderbar. Im gemeinsamen Spielen, Improvisieren, im Entwickeln von Kompositionen und situativen Choreografien, aber auch im Gespräch, im Zuschauen und Reflektieren entstehen neue Blickweisen und Perspektiven. Vor allem aber stiftet Tanz Sichtbarkeit: Alternde Körper werden auf der Bühne in ihrer Einzigartigkeit wahrnehmbar. Tänzerische Prozesse können so hegemoniale Altersbilder unterlaufen und Anerkennungsräume eröffnen.
Leibphänomenologische Perspektiven betonen, dass der Leib ein sinnlich-affektives Sensorium zur Welt bildet. Darin liegt die besondere Qualität von Tanz, das Erleben des sich bewegenden Körpers in Gestaltungsprozessen zu erforschen. Zugleich entfalten Körper in Bewegung eine performative Kraft, die Bedeutungen miterzeugt. In Proben- und Aufführungsprozessen werden Körper als Ansammlungen von Erfahrungen, ihre Wandelbarkeit und Ausdruckskraft wahrgenommen – auch jenseits der vermeintlichen „Altersgrenzen“. Die performativen Künste greifen in hegemoniale Altersbilder ein, indem sie alternde Körper ins Zentrum rücken, Ambivalenzen zeigen und Erfahrungswissen teilen. Performance macht die Erlebensrealitäten des Alter(n)s sichtbar, öffnet intergenerationelle Räume der Aushandlung und verschiebt spielerisch Blickordnungen.
Einladung zum Aufbruch
Dieses Dossier ist eine Einladung – und ein Aufbruchssignal. Es will inspirieren: für tanzkünstlerische und tanzgeragogische Arbeit mit Älteren. Es möchte Mut machen, ins Tun zu kommen – mit Lust am Experiment, mit Respekt vor Differenz, mit der Überzeugung, dass alternde Körper in Bewegung eine performative Kraft entfalten, die künstlerische Praktiken verändern und Gesellschaft mitgestalten.
Weitere Informationen
Literaturverzeichnis