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  • Praxiseinblick

Kunst tut gut – Das Künstler*innen-Stipendium der Dr. Dormagen-Guffanti-Stiftung

von Isabell Rosenberg

Im offenen Atelier auf dem idyllisch gelegenen Gelände des Städtischen Behindertenzentrums Dr. Dormagen-Guffanti erprobt der Bildende Künstler und diesjährige Stipendiat Sebastian Bartel gemeinsam mit den Bewohner*innen Möglichkeiten der Malerei und macht künstlerisches Handeln erfahrbar. kubia-Mitarbeiterin Isabell Rosenberg besuchte den Künstler und die Einrichtungsleiterin Margarethe Wrzosek in Köln-Longerich.

Seit 1997 können sich Künstler*innen jährlich um das Dr. Dormagen-Guffanti-Stipendium bewerben und für sechs Monate ein Atelier auf dem Gelände beziehen, um dort künstlerisch tätig zu sein. Dotiert ist das Stipendium mit 10.000 Euro. Der Kölner Künstler und Kunstvermittler Sebastian Bartel überzeugte die Jury mit seinen bisherigen Arbeiten, persönlichen Erfahrungen und vor allem mit seinem geplanten Vorhaben zum Schwerpunkt Malerei: Zeitgenössische Malerei gehe über die Abbildung von Dingen, Menschen und Orten hinaus und beschäftige sich mit ihren eigenen genuinen Grenzen und der eigenen Materialität, heißt es in seiner Bewerbung. Malerei ließe sich als äußerst sinnlicher Prozess erfahren und habe daher einen stark inklusiven Charakter.

Wohltuende Kraft der Kunst

Die Stiftung blickt auf eine 110-jährige Geschichte zurück. Dank der Vermächtnisse des Mediziners und Kunstsammlers Dr. Hubert Dormagen (seine Sammlung ist im Kölner Wallraf-Richartz-Museum zu sehen) und des Mäzen Anton Guffanti konnte die Stadt Köln bereits zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts eine kommunale Einrichtung für Menschen mit Behinderung eröffnen, die zur damaligen Zeit zu den modernsten ihrer Art gehörte. Menschen mit Behinderung sollten nicht mehr nur in einem geschützten Bereich untergebracht werden, sondern sie sollten durch ärztliche Versorgung, Beschulung und Ausbildung den Zugang zur Berufswelt erreichen. Dr. Dormagen sei außerdem davon überzeugt gewesen, dass Menschen schneller gesunden, wenn sie ästhetische und künstlerische Berührungspunkte haben, erklärt Margarethe Wrzosek, die seit 27 Jahren das Wohnzentrum leitet. In dieser Tradition hat das Stiftungskuratorium beschlossen, in einer Kooperation aus Kultur- und Sozialdezernat das Künstler*innen-Stipendium zu vergeben. In der 26-jährigen Tradition des Stipendiums konnten so schon viele künstlerische Impulse gemeinsam mit den Bewohner*innen erschaffen werden.

Behutsames Kennenlernen

Seit Mai dieses Jahres arbeitet der Künstler Sebastian Bartel an mehreren Tagen der Woche im Atelier des Städtischen Behindertenzentrums. In Einzelterminen im Atelier oder bei Besuchen in den vertrauten Wohngruppen nähert er sich den Menschen und ihren Vorlieben, Interessen und individuellen Bedarfen an. Zuweilen geht das dann auch in eine ganz andere Richtung. Er dreht die Musik auf und tanzt mit den Bewohner*innen.

„Das ist mein Verständnis von Kunstvermittlung oder künstlerischen Arbeitsprozessen, dass andere Einflüsse auch eine Rolle spielen: Bewegung, Sprache, Rhythmus. Mir ist wichtig, dass die Bedarfe der Menschen im Vordergrund stehen.“

In den ersten Wochen nahm er sich viel Zeit, die 47 Bewohner*innen und die Mitarbeitenden des Wohnzentrums kennenzulernen. „Nicht alle sind sofort Feuer und Flamme, wenn es um künstlerisches Arbeiten geht, denn Menschen haben unterschiedliche Interessen. Manche Bewohner*innen sind außerdem motorisch nicht in der Lage, mit verschiedenen Materialien umzugehen“, erklärt Bartel.

Schnell wird ihm deutlich, dass Malerei nicht für alle hier passt: „Es gibt Bewohner*innen, die eigentlich lieber mit Stiften arbeiten oder gar nicht mit Pinsel und Farbe, sondern mit den Händen.“ Darauf geht Bartel ein, um dann in das gemeinsame künstlerische Arbeiten als Prozess zu kommen.

Empathisch und spontan

Die Leiterin Margarethe Wrzosek schätzt besonders die Empathie von Sebastian Bartel: „Unsere Menschen sind sehr spezifisch und sehr anders. Da kann man nicht einfach fragen: Wer möchte mitmachen oder wer hat Interesse an Malerei? Die Kommunikation findet auf sehr persönlicher und emotionaler Ebene statt.“ Aufgrund seiner sozialen Erfahrung mit Menschen mit Behinderung in seinem privaten Umfeld sei Bartel sehr authentisch und in der Lage, spontan den Moment aufzugreifen und sich in die Kreativität und das vorhandene Besondere einzufühlen. Sebastian Bartel ergänzt: „Ich glaube, man muss sehen, dass das Ganze auch tagesformabhängig ist. Ich habe schon mit Bewohner*innen gearbeitet, wo ich das Gefühl hatte, das funktioniert gut, dann am nächsten Tag aber irgendwas anderes wichtiger war. Und das Interesse war nicht mehr da. Dann kommt es aber wieder.“

Zugänge zur Kunst schaffen

Auch mit der Frage, wie Zugänge zur Kunst auch für Menschen mit schwerer und mehrfacher Behinderung geschaffen werden können, beschäftigen sich das Team des Wohnzentrums und der Stipendiat: „Ich habe nicht das Gefühl, dass ich hier eine bestimmte Praxis oder Methode durchführen kann“, so Sebastian Bartel. Die Kunst sei vielmehr Vehikel für einen Ausdruck oder Zugang. Das Stipendium und die Arbeit auf dem Gelände der Dormagen-Guffanti-Stiftung sei auch deshalb so wichtig, weil Menschen mit Mehrfachbehinderung häufig gar nicht wahrgenommen und ausgeschlossen werden oder davon ausgegangen wird, sie können überhaupt nichts. Allerdings betont Margarethe Wrzosek, dass eine konventionelle Planung schnell an ihre Grenzen kommt. Die Bewohner*innen können zudem oftmals nicht selbst motorisch den produktiven Prozess umsetzen: „Kunst spielt sich auf einer völlig anderen Ebene ab und das ist vielleicht das Schwierige für Außenstehende, aber auch das Spannende. Man kann da nicht so richtig konventionell planen, denn es gibt ganz andere Einflüsse von Emotionen, Verhaltensweisen, Charakter, Herausforderungen, was auch eine Rolle spielt.“

Win-win-Situation

Sebastian Bartel betont, wie bereichernd es sein kann, mit Menschen zu arbeiten, die eine völlig andere Perspektive auf Kunst haben. Es gehe viel mehr darum, was gefällt, was ist sinnlich, reizvoll, erfahrbar.

„Die Menschen hier betrachten die Kunst nicht so in dieser Wertigkeit, Kunst ist gut oder nicht gut, sondern Kunst tut gut.“

Es seien Momente, in denen aus Bartels Sicht etwas sehr Ehrliches und Natürliches entsteht. „Diese ganzen Dinge, die wir dann über Kunst zu wissen glauben, fallen dann total weg.“ Auf künstlerischer Ebene interessiert ihn jedoch auch, was sich in diesen Prozessen entwickelt, welche ungedachten Formen und Ansätze entstehen: „Diese Ansätze nutze ich dann auch weiter für meine Arbeit. Dadurch entsteht eine Win-win-Situation. Ich sehe ein unglaubliches Potenzial, das in der Gesellschaft noch viel stärker genutzt werden könnte.“

Erschienen in:

Das Magaszincover zeigt ein Foto eines älteren Mannes, der ein Laurel-und-Hardy-T-Shirt mit der Beschriftung "Laurel & Hardy Museum Solingen" und eine Melone im Stil des Komiker-Duos trägt. In den Händen hält er eine Statue des Kopfes von Oliver Hardy und im Hintergrund sind weitere Figuren, Poster usw. von Laurel und Hardy zu sehen.
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