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  • Fachdiskurs

Kunstlandschaft als Mehrgenerationenhaus – Alter(n) und zeitgemäße Förderstrukturen in den Darstellenden Künsten

von Michael Freundt

Michael Freundt, Geschäftsführer des Dachverbands Tanz Deutschland, hat anlässlich des Symposiums „War schön. Kann weg… Alter(n) in der Darstellenden Kunst“ Vorschläge entwickelt, wie Kulturpolitik für alle Altersgruppen gerechter werden könnte. Er fordert dazu auf, Allianzen zu bilden und Kulturförderung und soziale Sicherung mit Blick auf alle Lebensalter grundsätzlich neu zu denken.

Ich kenne keine Statistiken, wie viele Künstler*innen in welchen Altersgruppen im Tanzbereich arbeiten. Anhaltspunkte mag jedoch eine Online-Befragung geben, welche der Dachverband Tanz Deutschland (DTD) im Jahr 2021 startete. Von den Tanzschaffenden, die teilnahmen, waren rund 60 Prozent über 40 Jahre alt, davon 30 Prozent über 50, von ihnen sogar sechs Prozent über 60 Jahre alt. Auch zur vierten Antragsrunde zum Hilfsprogramm Dis-Tanzen hat der DTD das Alter der Antragsteller*innen erhoben: Von ihnen waren 15 Prozent zwischen 41 und 50, zehn Prozent zwischen 51 und 60, zwei Prozent zwischen 61 und 70 und schließlich ein Prozent zwischen 71 und 80 Jahre alt. Beide Erhebungen vermitteln einen Eindruck davon, dass Tanzschaffende auch über 50 Jahre und bis in hohe Alter noch aktiv sind.

Erfahrung als Korrektiv

Warum erscheint mir diese Gruppe von Künstler*innen so besonders wertvoll? Weil mit ihnen – mit ihren individuellen Erfahrungen, künstlerischen Werdegängen über Jahrzehnte hinweg und ihren künstlerischen Projekten – ein Widerpart zur aktuellen, atemlosen Kunstproduktion entstehen kann. Gegenwärtige Kunstdiskurse – so mein Eindruck – überbieten sich in immer neuem Reflektieren der Gegenwart, greifen utopisch oder dystopisch voraus. Künstlerisches, kreatives Arbeiten wird als Modell für eine zukünftige Gesellschaft gesehen. Es ist ein überaus produktiver, stimulierender Prozess, der die Bereiche Performance, Tanz und Theater und deren Selbstwahrnehmung beflügelt. Blickt man allerdings zurück auf die Jahre zwischen 2000 und 2010, dann gab es damals eine vergleichbare Euphorie, die das freie künstlerische Arbeiten als Modell für das Arbeiten der Zukunft sah. Später wurde jedoch erkennbar, dass die Akteur*innen der Freien Szene ähnlich argumentierten wie die neo-liberalen Verfechter*innen der freien Marktwirtschaft.

Wir brauchen Künstler*innen, die Erfahrungen aus Jahrzehnten künstlerischen Arbeitens einbringen. Ihre Perspektiven können Korrektive sein für das, was wir gegenwärtig für die Perspektiven der Gesellschaft halten. Ihre aktuellen künstlerischen Arbeiten sowie der Transfer ihrer Erfahrungen sind bereichernder Teil einer lebendigen, reflektierten Kunstszene. Sie sind ein gesellschaftlicher Gewinn. Wie also können wir diesen Erfahrungsschatz heben?

Wettbewerb um Förderung

Die Förderung von Projekten ist Kern der Förderstrukturen von Städten, Ländern und dem Bund. Es ist ein ständiger Wettbewerb um die besten Ideen. Anträge zielen auf Produktionen als sichtbare künstlerische Wortmeldungen in aktuellen gesellschaftlichen Diskursen. Juryentscheidungen orientieren sich an Stichworten wie Innovation, Relevanz, Aktualität. Es ist ein Wettbewerb, in den sich alle begeben (müssen), gleich wie lange sie schon künstlerisch produzieren. Ergänzend zur Projektförderung ermöglichen mehrjährige Förderungen für erfolgreiche Künstler*innen Kontinuität, die Stabilität von Kooperationsbeziehungen und den Aufbau eigener Produktions- und Managementstrukturen. Sie geben eine stärkere Basis, um Performances, Choreografien, Stücke zu präsentieren und damit in den gesellschaftlichen Dialog zu gehen. Solch ein System ermöglicht den Aufbau von Strukturen und die Karriere-Entwicklung von Künstler*innen in einem aufsteigenden Bogen.

Was aber geschieht, wenn die Relevanz künstlerischer Positionen bei Jurys und Förderinstitutionen nicht mehr gesehen wird? Dann greift meist nur der Wettbewerb, in dem die relevanteren, dringlicheren Ideen den Vorzug erhalten. Förderungen werden reduziert, ausgesetzt oder einfach beendet. Dies betrifft eben auch künstlerische Karrieren im Alter. Findet hier ein Dialog mit den Künstler*innen statt? Wird dieser Prozess gemeinsam gestaltet? Nur selten. Die Kunststiftung NRW hat den Dialog mit Künstler*innen zu ihrem Markenzeichen gemacht und die Entwicklung künstlerischer Karrieren (wie zum Beispiel die Arbeit von Raimund Hoghe) über Jahrzehnte begleitet. Diese Dialoge werden dringend gebraucht – in vielfältiger Weise, im gesamten Fördersystem. Grundlage sind Transparenz, Wertschätzung und konzeptionelle Grundlagen, aber auch Erfahrung und Haltung auf beiden Seiten.

Im Dialog mit den Künstler*innen

Wie kann der Erfahrungsschatz älterer Künstler*innen in die aktuelle Kunstproduktion einfließen? Sicherlich durch die fortdauernde Projektarbeit. Aber wollen sich Künstler*innen im Alter noch dem aufreibenden Wettbewerb um Projektförderung stellen? Und wenn ja, sollten dann Jurys bei Produktionen älterer Künstler*innen eine andere Perspektive einnehmen und den gesellschaftlichen Erfahrungsgewinn besonders bewerten?

Oder sollte es im Alter eher um Reflexion und Wissenstransfer gehen? Vielleicht treten an die Stelle von künstlerischen Projekten der Austausch, die künstlerische Zusammenarbeit mit jungen Künstler*innen und die Weitergabe des künstlerischen und politischen Wissens. Oder es stellt sich die Aufgabe der Transformation und Übergabe von Produktionsstrukturen. Oder man widmet sich der Neubetrachtung der eigenen künstlerischen Positionen. Ein Antragsteller im Programm Dis-Tanzen schrieb: „Ich bin nun mit 73 Jahren in dem Alter, in dem man sich auf das bisherige Leben rückbesinnt, um vielleicht einen neuen Anfang zu finden.“

Diese anderen Wege künstlerischer Arbeit sollten Förderinstitutionen gleichermaßen wertschätzen und nach Wegen der Förderung suchen. Was hindert uns daran, auch diese Vorhaben als förderwürdig, als Projekte im weiteren Sinne zu begreifen? Obwohl hier kein Projektergebnis in dem Sinne vorliegt, dass Steuerzahler*innen ein Bühnenerlebnis erhalten, führen diese Projekte doch zu verschiedensten Formen, in denen künstlerische Arbeit sichtbar wird.

Die Perspektive auf die Arbeit älterer Künstler*innen ist nur in einem breit angelegten Dialog der Künstler*innen mit den Förderinstitutionen und der Politik zu entwickeln. In diesem Dialog sollten die Argumente des gesellschaftlichen Erfahrungsgewinns durchaus ins Gewicht fallen. Die demografische Entwicklung haben Kunst und Politik schon mal auf ihrer Seite.

Förderung künstlerischer Prozesse

Die zahlreichen Hilfsprogramme in der Corona-Pandemie haben eine starke Wertschätzung künstlerischer Prozesse deutlich gemacht. Verschiedene Förderinstitutionen haben ein breit gefächertes Programm stipendienartiger Förderungen aufgelegt, die es Künstler*innen ermöglichte, unter anderem über mehrere Monate hinweg ein eigenes Vorhaben zu realisieren, entweder ergebnisorientiert mit dem Ziel eines sichtbaren künstlerischen Projekts oder ergebnisoffen und prozessorientiert, zum Beispiel als Recherche-, Trainings-, Qualifizierungs- oder Archivierungsvorhaben.

Längerfristige stipendienartige Förderungen für Arbeitsprozesse sollten auch in Zukunft Teil der Künstler*innen-Förderung sein, um Phasen der Karriere selbstbestimmt managen zu können – den Einstieg in die selbstständige Arbeit, die Weiterentwicklung im internationalen Kontext, die Umbrüche in den mid-career-Phasen und die Transformation künstlerischer Strukturen im Alter.

Neue Allianzen bilden

Die Corona-Pandemie hat uns die Möglichkeit gegeben, über zeitgemäße, nachhaltige Künstler*innen-Förderung nachzudenken. Das Thema von Kunst und Alter(n) steht dabei im Kontext vieler anderer Themen, wie Kunst und Elternschaft, Künstler*innen mit Behinderung, Durchlässigkeit der Fördersysteme und Leitungsstrukturen und die nachhaltige Sichtbarkeit geförderter Projekte. Es braucht den Mut, die bestehenden Förderstrukturen zu renovieren. Das betrifft keinesfalls allein den Tanz, sondern ist ein Thema der Freien Künste generell und kann sicherlich nur in Allianzen umgesetzt werden.

Doch es geht nicht nur um Förderungen. Künstlerische Arbeit wird stärker, wenn Künstler*innen in Netzwerken und Kooperationen zusammenkommen. Koproduktionen, lokale Netzwerke, Landesverbände – in den vergangenen Jahren hat sich immer lebendiger gezeigt, was Austausch, Zusammenwirken und solidarische Stärkung bewirken können. Wir sollten diese Erfahrungen für das Thema Altersdiversität nutzen und die große Expertise im Bereich der Diversitätsentwicklung auch in diesen Bereich einbringen.

Lasst uns die Kunstlandschaft als Mehrgenerationenhaus begreifen! Stiften wir Partnerschaften zwischen älteren und jüngeren Künstler*innen und fördern altersdiverse Kooperationen und Koproduktionen!

Grundsätzlich denken

Dringend zu empfehlen ist der Blick auf Stipendienmodelle, die langfristig die professionelle künstlerische Arbeit begleiten können. In Norwegen sind Stipendien ein wesentliches Instrument der Künstler*innen-Förderung: Erfahrene Künstler*innen, die im Antragsjahr 56 Jahre oder älter sind und durch ihre langjährige Tätigkeit qualitativ einen wertvollen Beitrag geleistet haben, können dort zehnjährige Stipendien beantragen, die als wesentliche finanzielle Absicherung ihrer künstlerischen Tätigkeit gedacht sind.

Eine grundsätzliche Systemänderung würde das französische System der intermittents du spectacle bedeuten. Es geht von einer zeitweisen Anstellung der Künstler*innen und Techniker*innen aus, die an Produktionen von Tanz, Theater, Musik und Film beteiligt sind. Sie sammeln mit ihren Honoraren und Beiträgen der Unternehmen einen Anspruch auf staatliche Ersatzleistungen in den Zeiten ohne Engagements. Mit der neuen Bundesregierung soll der Zugang zu einer Versicherung für auftragsfreie Zeiten so gestaltet werden, dass diese auch für Künstler*innen wirksam werden könnte.

Oder wäre das bedingungslose Grundeinkommen die grundsätzliche Lösung, die nicht nur Künstler*innen betrifft? Eine Lösung, die für alle Bürger*innen greift, würde es natürlich mehr Künstler*innen ermöglichen, auch im Alter weiter künstlerisch tätig zu sein, sich in die Gesellschaft einzubringen und die Wege hierzu selbst zu gestalten. Aus den ersten Diskussionen sind inzwischen europaweit Pilotprojekte geworden, aber wann das bedingungslose Grundeinkommen Realität wird, ist wohl kaum abzuschätzen.

Hier gilt es weiter zu diskutieren. Mehr Engagement für gerechte Sozialsysteme ist dringend notwendig, denn nur so kann letztlich die soziale Absicherung von Künstler*innen im Alter gelingen. Und zugleich müssen wir kreativ werden, mit Fördermodellen Impulse setzen und mit Arbeiten und Ideen älterer Künstler*innen Signale an unsere Gesellschaft senden.

Michael Freundt war nach seinem Studium der Theaterwissenschaft, Philosophie und Tanzwissenschaft als freier Journalist und Kritiker tätig und als Regisseur, Dramaturg und Theaterproduzent in freien Projekten der Performing Arts aktiv. Zwischen 1997 und 2002 arbeitete er als Pressereferent und 2001 als Künstlerischer Leiter der euro-scene Leipzig. Von 2003 bis 2019 war er Stellvertretender Direktor des Internationalen Theaterinstituts (ITI) – Zentrum Deutschland. 2006 wurde er zum Geschäftsführer des Dachverbands Tanz Deutschland berufen.

Erschienen in:

Buchcover War schön. Kann weg ... Eine rosa Straße mit schwarzen Linien
  • Fachbuch
  • 2022

War schön. Kann weg … Alter(n) in der Darstellenden Kunst

Wie halten es die Darstellenden Künste mit dem Alter(n)? Dieser Frage ist das Performance-Duo Angie Hiesl + Roland Kaiser nachgegangen. Die Ergebnisse ihrer künstlerischen und diskursiven Auseinandersetzung haben sie gemeinsam mit kubia-Leiterin Almuth Fricke in einem Sammelband veröffentlicht.

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